Zeit für eine Rückkehr an die Gestade der sieben Königreiche: Auch wenn die zweite Staffel “Game of Thrones” mittlerweile über die Bühne ist, kann ich nicht anders als noch einmal nachzutreten. Es mag an meiner finsteren Natur liegen, oder auch an der Tatsache, dass phantastische Literatur recht selten in diesem Kontext analysiert wird. However: Einen Aspekt, der mir persönlich wichtig ist, habe ich bei meinem letzten Beitrag außen vor gelassen und werde ihn deshalb nun nachreichen.

Ich will noch einmal das Beispiel Daenerys aufgreifen. Sie präsentiert sich uns ja einerseits als positive Figur bzw. wird gezielt so inszeniert. Trotzdem wird gerade an ihr etwas offenbar, was sich nicht nur durch “A song of ice and fire” zieht, sondern mir als ein generelles Phänomen erscheint, das immer wieder in phantastischer Literatur auftritt: Der Vorgang des Othering, also der Konstruktion des “Anderen”.

Daenerys funktioniert zunächst als Element der Kontrastierung. Sie musste aus Westeros fliehen, wird dann von ihrem Bruder an Khal Drogo verkauft und zieht schlussendlich mit ihm und seinem Khalasar durch die Welt. Wir nehmen die kulturelle Praxis der Dothraki also durch sie wahr, demnach auch stets in Abgrenzung zu ihren gewohnten kulturellen Normen, die mit den “fremden” in permanentem Vergleich stehen. Die Erzählung ist in der Perspektivierung frühen europäischen Reiseberichten nicht unähnlich, die eine zentrale Rolle gespielt haben, was die Ausformung “unseres” Bildes auf “fremde Kulturen” angeht.

Und ebenso ist auch unser Eindruck, den wir von der Kultur der Dothraki erhalten: Sie sind ganz anders als die Menschen von Westeros, die analog zur gesellschaftlichen Realität das unmarkierte weiße Subjekt repräsentieren. In Abgrenzung dazu werden uns die Dothraki als eine Art Konglomerat aus sämtlichen post-kolonialen Bildern präsentiert: Sie sind dunkelhäutig, wild, naturverbunden, kampfeslustig; ihre Gesellschaft ist extrem instabil und durch stumpfe Gewalt geprägt. Und besonders wichtig: Sie sind Träger eines ungebändigten Begehrens, eines unstillbaren triebhaften Verlangens. Konkret heißt das: Bei Festen, nach gewonnenen Schlachten usw. wird sich erst einmal die nächste Frau geschnappt und an Ort und Stelle genommen, da der unzivilisierte Mensch ja seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Das Ganze geschieht grundsätzlich in Hündchenstellung, andere Formen des Aktes kennt “der Wilde” nicht. Passend dazu der Dialog zwischen Davos Seaworth und dem Piraten Salladhor Saan (der allerdings nur in der Serie existiert): Antrieb des schwarzen Piraten ist nicht die Aussicht Ruhm oder zu erlangende Reichtümer – ihn interessiert nur die Möglichkeit, die weiße Königin zu vergewaltigen. Es handelt sich hierbei um ein lang tradiertes Bild kolonialer Angst: die Angst vor dem omnipotenten schwarzen Mann, der angeblich die weiße Frau bedroht.

Nun kommt allerdings Daenerys daher und bringt nicht nur ihrem Ehemann bei, wie genau zärtlicher Sex funktioniert, sie belehrt auch die primitiven Dothraki, dass Vergewaltigungen schlecht sind. Es braucht also erst die weiße Frau, die den Wilden ein paar Basics der Zivilisation lehrt. Das setzt sich dann auch gleich fort: Sie erst schafft die Sklaverei ab, vorher ist ja noch niemand auf die Idee gekommen. Kurzum: Sie ist die personifizierte weiße Zivilisierungsmission. Sie ist berufen, die fremde Kultur von deren eigenen Grausamkeiten zu befreien – ebenso wie es die historischen Kolonialherren waren.

Diese Gegenüberstellung entspricht in vielen Aspekten, dem was Frantz Fanon als Manichäismus bezeichnete – also die strikte Zweiteilung der Welt mittels epistemischer Gewalt, die eben nicht nur auf die historische Phase des Kolonialismus beschränkt blieb, sondern bis heute nachwirkt. Hier das weiße zivilisierte Objekt, dort das deviante defizitäre “Andere”, das erst der Erziehung durch den Kolonialherren (der in diesem Fall eine Herrin ist) bedarf.

Will heißen: In diesem Prozess des Othering steckt immer auch ein Moment der Selbstvergewisserung. Stuart Hall hat an diesem Bogen noch etwas weiter gebastelt. Er schreibt: “Wer wir kulturell sind, wird immer in der dialektischen Beziehung zwischen der Identitätsgemeinschaft und den Anderen bestimmt.” Die den jeweiligen Gruppen zugesprochenen Charakteristika werden in zwei entgegengesetzten Feldern zusammengefasst, die sich jeweils ausschließen. Dabei muss diese Wahrnehmung überhaupt nicht hostil sein: Der damit zusammenhängende rassistische Diskurs ist ambivalent und vielgestaltig, nimmt ebenso exotistische wie xenophobe Formen an. Das Staunen über die mystische Naturverbundenheit “eingeborener Völker” kann ebenso gut der eigenen Sehnsucht nach etwas jenseits der verdinglichten menschlichen Beziehungen entspringen. Nur geschehen eben alle diese Zuschreibungen aus einer dominanten Position heraus. Was die manichäischen Differenzkonstruktionen kennzeichnet, ist ja gerade, dass eine dominante Kultur von sich in Anspruch nimmt, sich selbst als unmarkierte Norm zu setzen und von diesem Standpunkt aus die Welt zu erklären, dabei Menschen ganz ungeachtet ihrer tatsächlichen Eigenschaften entindividualisiert und verortet.
Und auch für diesen Aspekt gilt: Nur weil sich das Ganze in einer ausgedachten Welt abspielt, es sich dabei um Dothraki und nicht bspw. Menschen aus Namibia handelt, heißt das nicht, dass dabei keine (post)-kolonialen Bilder reproduziert werden können, gerade weil sich die Grenzziehungen in der Welt von Westeros analog der uns bekannten Konstruktionen kultureller Differenz bewegen.

Um vermeidbaren Lesarten dieses Beitrags schon einmal vorzubeugen, sei die Frage, ob diese Inhalte nun George R.R. Martin zu einem Rassisten machen, mit einem „Nein“ beantwortet. Ich kann (noch) nicht in die Köpfe mir unbekannter Menschen blicken, glaube auch nicht, dass ein Blick in Martins Kopf genannte Frage beantworten könnte. Die behandelten Punkte machen auch nicht sein literarisches Werk zu einem rassistischen Pamphlet oder ähnlichem. Aber: Es trägt zu eben jenem nicht abreißenden Bilderstrom bei, aus dem sich unsere Vorstellungen über das “Andere” speisen – und da liegt, wie so schön gesagt wird, der Hund begraben.