In schlechter akademischer Manier möchte ich meine Conclusio gleich an den Anfang stellen: Lest Delany! Tut es wirklich. Dafür gibt es gute Gründe: Nicht nur weil er das ist, was Feuilletonisten gern eine „schillernde Figur“ nennen – und auch nicht nur aus dem Grund heraus, dass er in den 1960ern getan hat, was lange überfällig war; nämlich die Science-Fiction-Literatur weißen Männern zu entreißen. Vor allem eigentlich deshalb, weil er wirklich ein guter Schriftsteller ist.

Delany lässt sich wohl grob der sogenannten New Wave zurechnen, jener Generation von Sci-Fi-Autor*innen also, die es sich zum Ziel gemacht hatten, mit den bestehenden Konventionen des Genres zu brechen. Dies betraf einerseits die Form: Durch Montagetechniken, den Einsatz des stream of consciousness, gezielt eingesetzte Ironie etc. näherte sich das Genre der literarischen Avantgarde der 1920er Jahre an. Andererseits wurde diese experimentelle Herangehensweise zumindest bei Teilen der Szene durch eine inhaltliche Erweiterung bzw. Radikalisierung ergänzt: Die New Wave warf nicht nur gezielt Themen wie Sexualität und Ausbeutung in den Genre-Diskurs, sie setzte auch den optimistischen Zukunftsentwürfen der vorherigen Generation gesellschaftliche Dystopien entgegen.

In dieser Zeit erscheint nun der junge Samuel R. Delany auf der Bildfläche, ein homosexueller Schwarzer aus Harlem, und schreibt mit 19 Jahren seinen ersten Roman: The Jewels of Aptor. 1966 erscheint Babel-17, das nicht nur Delany zu schlagartiger Bekanntheit verhilft, sondern dem es auch gelingt, mich 46 Jahre später immens zu begeistern.

Den Hintergrund der Handlung bildet ein interstellarer Krieg zwischen der Alliance und den Invaders, der seit Generationen geführt wird. Innerhalb dieses Konflikts tritt im Kontext verschiedener Sabotageakte Babel-17 auf, eine fremdartige Sprache, die zu Beginn noch als nicht knackbarer Code identifiziert wird. Das Militär beauftragt die telepathisch begabte Dichterin Rydra Wong, den Code zu entschlüsseln. Sie stellt sich eine Crew von klassischen Misfits zusammen und bricht mit diesen in Richtung der galaktischen Frontlinien auf, um die Sprache zu entschlüsseln.

Soviel zur Handlung – aber eigentlich geht es um viel mehr: Es geht um Beziehungsmodelle, die Formbarkeit des Körpers, um den Krieg und seine Folgen (auch hier hebt sich Delany positiv von verschiedenen seiner Vorgänger ab) und um die Poesie. Vor allem aber geht es um Sprache; wie sie unser Weltbild, unsere Vorstellungen und unsere Wahrnehmung strukturiert. Babel-17 ist neben vielem anderen auch eine zeitnahe Auseinandersetzung mit der umstrittenen Sapir-Worf-Hypothese und bis oben hin gespickt mit linguistischen Anspielungen und Spekulationen. Rydra trifft im Verlauf der Handlung auf den Butcher, eine Figur, die das Wort „Ich“ nicht kennt und deshalb (so zumindest Delanys Vorstellung) nicht zur Selbstreflektion fähig ist. Wir erfahren auch von einer fremden Kultur, den Çiribians, die zwar über die nötige Technik für Raumfahrt verfügen, aber kein Wort für „Heimat“ haben und auch nicht mit dem Konzept vertraut sind. Wenn Rydra in der Sprache Babel-17 denkt, verändert sich ihr Bewusstseinszustand, sie entwickelt ein anderes Zeitempfinden, transzendiert geradezu das Bestehende. Dies ist einer der Punkte, an denen sich Form und Inhalt bei Delany annähern. Er versucht den veränderten Zustand des Bewusstseins durch Aufbrechen der Syntax erfahrbar zu machen:

… and Rydra tore her mind from his and swept the brief surface of Tarik and the Butcher, and saw no hypnotics, but also that they suspected no treachery, and her own delayed fear, taking her from what she felt in her slipping and lapping with doubled and halved voice and no yes, she was able, even as she walked to pick the words and images that would drive and push him to her betrayal and no yes, once struck by his fear and rebounding, she brought herself back to a single line that scribed through both perception and action, speech and communication, both one now …

Sicherlich hatten Autoren wie James Joyce, Alfred Döblin oder auch William S. Burroughs (der übrigens einen großen Einfluss auf New-Wave-SF hatte) solche Techniken in wesentlich radikalerer Art und Weise eingesetzt, nichtsdestotrotz stellt die Passage den Versuch dar, eine andere Subjektivität als die uns bekannte zu denken und darzustellen.

Vorstellungen wie die Sapir-Worf-Hypothese mögen im akademisch-linguistischen Diskurs umstritten sein, doch das ist nicht der Punkt. Was Delanys Entwurf nämlich provoziert, ist ein Denken über gesellschaftliche Konzepte wie bspw. Heimat, Familie oder den Staat, das diese in ihrer Historizität begreift. Dadurch dass er den Fokus auf den Einfluss der Sprache auf den Prozess der Subjektkonstitution legt, lenkt er den Blick nicht nur auf die Fragilität des Subjekts, sondern auch auf die Veränderbarkeit von Gesellschaft als Ganzes. Dabei geht es nicht darum, einen generellen Determinismus zu formulieren. Doch die Darstellung zentraler Instanzen unserer Lebenswelt als sprachlich und damit gesellschaftlich vermittelte verweist auf die Sollbruchstelle jener Ideologie, die eben diese Instanzen als grundlegend und unabänderlich ausweist.

Carl Freedman schrieb in seinem Essay „Science-Fiction and Critical Theory“ einige Zeilen, die ich in diesem Zusammenhang für interessant halte und daher gerne für euch abtippe. Freedman analysiert die Einleitung von Philip K. Dicks Do Androids dream of electric sheep? und rückt dabei die Bedeutung der Gefühlsorgel, eines Geräts mit dem Menschen nach Belieben ihre Emotionen kontrollieren können, ins Zentrum seiner Überlegungen:

The point to be stressed about the language is its profoundly dialectical character. For undialectical theory, the most familiar emotions – love, affection, hatred, anger, et alia – tend to be unproblematic categories, assumed to be much the same in all times and places, and to exist on an irreducibly level.
[…]
As the paragraph shows an emotional dynamic of a future age operating, at least in some respects, quite differently from what we ourselves empirically experience, the question of the historicity of feelings is raised and the possibility of a historical periodization of emotion in co-ordination with other aspects of human development (such as technology) is at least implied.

Delany verfährt auf ganz ähnliche Weise: Denn indem in Babel-17 die transhistorische Existenz bestimmter gesellschaftlicher Konzeptionen angezweifelt wird, verlieren diese damit gleichzeitig den Schein der Natürlichkeit, der ihnen anhaftet, und entpuppen sich als gesellschaftlich-gemacht.

Es war Roland Barthes, der sich mit der Analyse der für eine Gesellschaft unbewussten Bedeutungen unter dem Begriff des Mythos befasste. In den Mythen des Alltags untersuchte er von Photographie-Ausstellungen bis zum Akt des Striptease so ziemlich alles, was das kulturelle Leben des Frankreichs der 1950er Jahre prägte. Barthes beschrieb den Mythos als „eine Aussage […] ein Mitteilungssystem, eine Botschaft“. Sein Prinzip ist: „Er verwandelt Geschichte in Natur.“ Sei es nun die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Familienstruktur oder letztendlich doch die komplette conditio humana – sie alle werden ihrer Geschichte beraubt und damit gleichsam naturalisiert. Barthes fasst seine Kritik an diesem Prozess wunderbar zusammen in seinem Essay über „Die große Familie des Menschen“; eine Pariser Ausstellung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, „die Universalität der menschlichen Gesten im alltäglichen Leben in allen Ländern der Welt zu zeigen“ – mit Blick auf die zentralen Motive Geburt, Arbeit, Tod usw.:

Geburt und Tod? Wenn man ihnen die Geschichte entzieht, gibt es nichts mehr darüber zu sagen, dann wird der Kommentar rein tautologisch. Das Scheitern der Photographie scheint mir hier flagrant. Den Tod oder die Geburt noch einmal sagen, lehrt wörtlich gar nichts. Damit diese natürlichen Fakten zu einer wirklichen Sprache gelangen, müssten sie in eine Ordnung des Wissens eingefügt werden, das heißt: muss postuliert werden, dass man sie verwandeln kann, dass man gerade ihre Natürlichkeit unserer menschlichen Kritik unterwerfen kann. Denn so universal sie auch sind, sie sind das Zeichen einer historischen Schrift. Gewiss wird das Kind immer geboren, aber was bedeutet uns innerhalb des Gesamtvolumens des menschlichen Problems die „Essenz“ dieses Befundes auf Kosten seiner Daseinsweisen, die ihrerseits nun vollkommen historisch sind? Dass das Kind unter guten oder schlechten Bedingungen geboren wird, dass es seiner Mutter Schmerzen kostet oder nicht, dass es von Sterblichkeit betroffen wird oder nicht, dass es zu dieser oder jener Form der Zukunft Zugang hat, davon müssten die Ausstellungen zu uns sprechen, und nicht von einer ewigen Lyrik der Geburt. (Mythen des Alltags, S. 18)

Dieser Ansatz scheint mir in mancher Hinsicht mit dem Delanys zu korrespondieren, um den Bogen wieder zurückzuschlagen. Wenn in Babel-17 anscheinend natürliche Fakten als wandelbar und in anderer Gestalt denkbar präsentiert werden, bietet der Text in letzter Instanz eine Art der Wahrnehmung die über unser verdinglichtes Bild von Gesellschaft hinausweist, ein kritisches Gegenmodell zur bestehenden mythischen Verklärung und damit auch die Möglichkeit der Rückverwandlung von Natur in Geschichte.

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