Ein weiterer Liebesbrief: Ballardian ist eine beeindruckende Sammlung von Artikeln, Essays, Interviews, Bildern und Videos, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem umfangreichen Werk J.G. Ballards auseinandersetzen. Ansatz des Projekts ist es, die Analysen nicht auf das literarische Feld zu beschränken, sondern vielmehr die Suche nach Querverbindungen mit der Welt der Mode, des Films, der Musik und selbstverständlich der Architektur anzuregen. Simon Sellars, der die Seite betreut, arbeitet offensichtlich gerade an einem Buch, welches den Titel Applied Ballardianism tragen wird. Einen ungefähren Eindruck der versammelten Inhalte vermittelt die Definition des Wortes ballardian:

BALLARDIAN: (adj) 1. of James Graham Ballard (J.G. Ballard; born 1930), the British novelist, or his works. (2) resembling or suggestive of the conditions described in Ballard’s novels & stories, esp. dystopian modernity, bleak man-made landscapes & the psychological effects of technological, social or environmental developments.

Besonders Architekt_innen scheinen seit geraumer Zeit Gefallen an Ballards bedrückenden urbanen Visionen zu finden. Geoff Manaugh, der Betreiber des BLDG-Blogs, nennt Ballard als eine seiner zentralen Inspirationsquellen. Aber auch weitergehende Untersuchungen, die sich mit den verschiedenen Implikationen des (post-)modernen Stadtlebens auseiandersetzten, wurden von Ballards Motiven beeinflusst. Durch Sellars‘ Blog wurde ich nun auf ein Symposium der Londoner Royal Academy of Arts aufmerksam, das 2010 stattfand und den Titel Ballardian Architecture: Inner and Outer Space trug. Die einzelnen Beiträge klingen äußerst vielversprechend.

Acclaimed writer JG Ballard derived inspiration from aspects of the built environment that architectural convention and critics tend to overlook. His novels offer many insights into the flaws and consequences of the shopping centres, car parks, hotels, office towers and housing projects that make up so much of contemporary architectural endeavour. This forum traces several themes in Ballard’s literary analysis of the contemporary built environment, including the concept of spectacle and role of the media in contemporary society, and how “invisible literatures” such as scientific journals, technical manuals, pornography, advertising copy can be seen as a literary counterpart to pop art and the “brutalist” aesthetic of modernity.

Dabei fand ich besonders das Referat des Philosophen John Gray interessant, der sich auf die Suche nach Analogien zwischen Ballards Vorstellung des urbanen Lebens und Guy Debords Begriff des Spektakels machte und in diesem Zusammenhang verschiedene aktuelle soziale Phänomene analysiert. Auch wenn ich ansonsten mit Grays Theorien herzlich wenig anfangen kann (insbesondere seine Vorstellungen zu Themen wie dem Humanismus oder dem utopischen Denken), äußert er in diesem kurzen Vortrag doch einige aufschlussreiche Gedanken. Ihr seid eingeladen, euch ein eigenes Bild zu machen.