Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bieten – neben zahlreichem Feuilletonistischem, das weit mehr über die Freude der Vortragenden, sich selbst reden zu hören, als über den behandelten Gegenstand selbst verrät, sowie der Hofierung diverser meist unsympathischer Vertreter_innen des parlamentarischen Betriebs – auch von Zeit zu Zeit kleine hörenswerte Stücke der Hörspielkunst. Exemplarisch dafür steht beispielsweise die vergleichsweise neue Bearbeitung des Ulysses von James Joyce, die über die Weihnachtsfeiertage auf Deutschlandradio gesendet wurde, und anhand derer die weitreichenden Möglichkeiten dieser spezifischen und (meiner Meinung nach) unterschätzten Kunstform deutlich werden. Wer nicht gerade eine gut sortierte öffentliche Bibliothek in seiner Nähe weiß, dem würde ich den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks nahelegen, wo dankenswerterweise sämtliche Produktionen und Features zum Herunterladen zur Verfügung stehen. Zwei davon, die mir besonders deutlich im Gedächtnis blieben, möchte ich euch hier kurz vorstellen:


Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten
„Die Zeit der Langeweile ist vorbei.“ – Ein über elfstündiges, sehr aufwendig gestaltetes Hörspielprojekt von 2008, auf Basis des gleichnamigen Romans des Journalisten und Autoren Dietmar Dath. Eine zukünftige posthumane Gesellschaft von sprechenden Tieren (genannt Gente), die das bestehende Falsche hinter sich gelassen hat, dient hier als Ausgangspunkt für zahlreiche ausschweifende Reflexionen über naturwissenschaftliche ebenso wie philosophische Fragen, über Kunst und Gesellschaft, ohne dabei der Gefahr eines glattgebügelten konfliktfreien Gesellschaftsentwurf zu erliegen. Die Ankündigung verspricht einen Hybrid: „Fabel, Science Fiction, utopischer Roman, postmodernes Gedankenexperiment, philosophisches Szenario.“ Musik und Geräusche haben dazu die nimmermüden Tüftler von mouse on mars beigesteuert.

 

Raoul Hausmann: Hyle. Ein Traumsein in Spanien
Hausmann ist vor allem als dadaistischer (Anti-)Künstler und Monteur zahlreicher Fotocollagen bekannt geworden. Weniger bekannt ist sein Projekt Hyle – ein Roman, an dem er bis in die 1960er Jahre arbeitete. Dieser „autobiographische Mythos“, wie ihn Hausmann selbst nannte, ist zwar zeitlich in den Exiljahren auf Ibiza 1933 bis 1936 verortet, folgt aber innerhalb dieser Eckpfeiler nur der freien Assoziation: Perspektiven wechseln, die Zeit fließt und erstarrt wieder. Viel von Hausmanns spöttischem Ton lässt sich auch hier wiederfinden, doch darin geht der Text nicht auf. Er pendelt vielmehr zwischen den Themen Traum und Sinnverlust, Vereinzelung, Flucht und der Unerkennbarkeit der Welt – und ist damit zugleich Nachsinnen über die konkrete Erfahrung der politischen Verfolgung durch den Faschismus sowie des generellen Erfahrungsverlusts des modernen Subjekts.