Archive for the ‘Cinematoskop’ Category

Ein Raunen des Unbehagens

Mittwoch, August 29th, 2012


Ein Mann blickt in die Kamera, er spricht mit langsamer schnarrender Stimme – vom Geruch des Todes, von einem „grey smell“, der das Herz anhält. Dabei wirkt er selbst wie einer, der am Rande des Todes steht oder möglicherweise bereits von dort wieder zurückgekehrt ist. Im Falle des William S. Burroughs wirkt dieses Leben an der Grenze des Lebbaren beinahe wie der grundsätzliche Modus der Existenz.

Yoni Leyser hat sich in seiner aktuellen Dokumentation A man within, die Anfang dieses Jahres erstmals auf Deutsch erschien, auf die Suche nach der flüchtigen Figur des Beatnik-Autoren gemacht und ist dabei, wie zu erwarten war, nicht fündig geworden. Burroughs bleibt auch fünfzehn Jahre nach seinem Tod nicht wirklich greifbar; er, der zu einer Ikone der Schwulenbewegung wurde, dabei gleichzeitig von sich selbst sagte, keinen einzigen Tag in seinem Leben „gay“ gewesen zu sein (obwohl er diverse gleichgeschlechtliche Beziehungen hatte), der im Drogenrausch seine Frau erschoss und anschließend in Südamerika Jahre damit zubrachte, die mystische Droge Yage zu suchen und in London und Tangier seinen legendären Roman Naked Lunch aus einer Zettelsammlung zusammenklebte: ein Buch, das den letzten amerikanischen Zensurprozess zur Folge hatte; ein überwältigendes Konvolut aus Abhandlungen über Dildos, Disziplin, Drogensucht, Mugwump-Aliens und sprechende Arschlöcher. Sein Einfluss, nicht nur auf die Literatur, wie bspw. die New Wave der Science-Fiction, sondern auch auf die Gegenkultur der USA, kann nicht überschätzt werden. Seine in Anlehnung an Brian Gosyn entwickelte Cut-Up-Technik, bei der Schnipsel aus zuvor Geschriebenem neu und zufällig zusammengesetzt werden, fand zahlreiche Nachahmer.

Auch Leysers Dokumentation erinnert an ein Cut-Up: Nicht-linear erzählt, streift der Film Vieles; wirbelt Fragmente, Interviews und Lesungen des kauzigen Mannes mit dem Hut durcheinander und entzieht sich so dem naheliegenden Versuch, Burroughs‘ Leben und Schaffen in ein übergeordnetes Thema zu integrieren: die Sinn-Maschinen schweigen. Im Zuge dieses Verfahrens werden zahlreiche auf ihre ganz eigene Art und Weise berührende Teile zusammengeklebt: Wenn Burroughs und sein langjähriger Weggefährte Allen Ginsberg ganz wie ein altes Ehepaar zusammensitzen und über ihre gemeinsame Zeit sprechen, scheint für einen kurzen Moment ein anderes Bild durch, das nicht recht passen will in den Rahmen, der durch langjährige Drogensucht, Waffenfetischismus und emotionale Kälte gezeichnet zu sein scheint. Leysers Annäherung ist zwar nicht frei von vitalistischem Geniekult, erliegt aber nicht ganz der Versuchung, sondern kehrt immer wieder auch die düsteren problematischen Seiten des Schriftstellers nach oben, die eine reine Identifizierung mit der widersprüchlichen Figur Burroughs verunmöglichen.

A man within ist jedoch weit mehr als nur ein zeithistorisches Fotoalbum mit Randnotizen: Leysers Machwerk muss ebenso als Versuch über einen Versuch gelesen werden – den Versuch, Poesie fernab kapitalistischer Übercodierung und Wunschproduktion zu schreiben und zu leben, einen Ort zu suchen, an dem das Subjekt frei ist von den Zugriffen der gesellschaftlichen Normalisierungsmacht und deren ausführenden Kontrollinstanzen. Glen Burns konstatierte Burroughs später, er habe zahlreiche Themen vorweggenommen, die später im Zentrum der poststrukturalistischen Theoriebildung aufkamen. So ließ sich Gilles Deleuze von Burroughs‘ Bestimmungen solcher Begriffe wie den der „Algebra des Verlangens“ inspirieren und proklamierte den Übergang von der Disziplinargesellschaft (die Foucault in Überwachen und Strafen beschrieb) zur Kontrollgesellschaft, während Burroughs nach Wegen suchte, den ständigen Bedrohungen dieses „neuen Monsters“ zu entgehen und wirkliche Befriedigung zu erfahren. Und wo Burroughs in Naked Lunch einen Raum zu errichten versucht, in dem das Verlangen nicht im Rahmen der bestehenden Institutionen kanalisiert wird, versucht Deleuze die gesellschaftlichen Verschiebungen in der Theorie zu bestimmen, ausgehend von der Frage der freiwilligen Knechtschaft, die sich nicht erst seit dem Scheitern von 1968 stellte. Dazu beschreibt er die Genese diverser „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“. An die Stelle der Fabrik, die noch ein Körper war, tritt das Unternehmen, das nun eine Seele ist. Deleuze schreibt: „Die Fabrik setzte die Individuen zu einem Körper zusammen, zum zweifachen Vorteil des Patronats, das jedes Element in der Masse überwachte, und der Gewerkschaften, die eine Widerstandsmasse mobilisierten; das Unternehmen jedoch verbreitet ständig eine unhintergehbare Rivalität als heilsamen Wetteifer und ausgezeichnete Motivation, die die Individuen zueinander in Gegensatz bringt, jedes von ihnen durchläuft und in sich selbst spaltet.“ (Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 257)

In diesem Kontext müsste auch Burroughs‘ literarische Technik des Cut-Up verstanden werden: Als Ansatz, um eben dieser Durchdringung zu entkommen, der in der Tradition des Surrealismus steht, dessen Vertreter_innen allein das vom Zufall Offenbarte frei sahen von ideologischer Überformung und der totalen Verdinglichung der menschlichen Beziehungen – eine Hoffnung, die sich als Trugschluss offenbarte, aber dennoch als Versuch ernst genommen werden sollte. Und so bleibt auch am Ende von A man within kein Lebens- oder Werkentwurf bestehen, der zu übernehmen bzw. auf die heutige Zeit übertragbar wäre. Was bleibt ist die Erinnerung an Patti Smith, die in einer beeindruckenden Performance die Einleitung aus Burroughs‘ semi-autobiographischem Roman Queer vorträgt, dabei in unverständlichem Raunen endet. Es ist ein Raunen des Unbehagens über das Bestehende mit all seinen Zumutungen, das Raunen der Ausgeschlossenen und Abgeschriebenen.

Reaktionäre Helden

Donnerstag, Juli 19th, 2012


Eines der sehnsüchtigst erwarteten Machwerke des großen Hollywood-Apparates, der neue Nolan-Batman-Streifen The Dark Knight Rises, erreicht in diesen Tagen die Kinosäle. Neben allerlei vorfreudigen Beschwörungen fand ich auch einen interessanten Essay, den Elliott Prasse-Freeman und Sayres Rudy für The New Inquiry schrieben. Sie vertreten darin die These, dass aktuelle soziale Kämpfe (insbesondere die Occupy-Bewegung) mittlerweile Hollywood erreicht hätten. The Dark Knight Rises lesen beide demzufolge als „the first mass-culture artifact of the Occupy era“, in dem die Rolle und kulturelle Bedeutung der Figur Batmans vollkommen neu bestimmt werden müsse, was sie am Beispiel eines der Trailer verdeutlichen:

The trailer opens with a cherubic boy singing the Star-Spangled Banner at a football game before calm inevitably gives way to storm: a gas-masked sadist blows up the field, prisoners riot, swat teams assemble, a tank fires on city hall, a hover craft flies through the streets, and so on. These rapid-fire cuts act as bundled spectacles of stimulation: Look at all this action you are going to enjoy! Hence our attention lingers when the clip slows down. There are three such moments: butler Alfred comforts a forlorn Bruce Wayne by invoking Bruce’s orphan-related trauma, the boy sings the American anthem, and then — the longest by far — an extended ballroom scene where a spectral Anne Hathaway whispers in Bruce Wayne’s ear:

„You think this can last. There is a storm coming, Mr. Wayne. You and your friends better batten down the hatches, because when it hits, you’re all going to wonder how you ever thought you could live so large and leave so little for the rest of us.“

Class tension here is not only directly addressed but presented as the central threat to which Batman must respond. The next shots are of rioting prisoners and others chanting a phrase in a foreign language. What are they saying? “Rise,” we are told. Rise? Is this a working-class revolution we are being promised?

Batman könne deshalb auch nicht mehr als „der Gute“ herhalten, da er das unmenschliche System von Gotham City (als Synonym für die spät-kapitalistische Stadt) mitsamt seiner Korruption und Ausbeutung gegen Aufstände und Unruhen verteidigt. Stattdessen wäre es nötig, seine neue Rolle als die des Villains zu bestimmen — eine Funktion, die er einfach noch nicht realisiert hat:

The justification for Wayne’s wealth has always been that it afforded him resources to “fight crime” as a semi-reclusive philanthropist and as Batman. But as the first film in the Nolan reboot, Batman Begins, emphasizes, degenerate street criminals and not super-villains motivate Batman by murdering Bruce’s parents, whose beneficent philanthropy had been all that was keeping Gotham City’s ungrateful poor from destitution. A war on street criminals can be read uncomplicatedly as a war on the poor.
[…]
Wayne personifies capitalist firms’ “legitimate” expansion — assimilation to the military complex and consolidation with finance capital — and capture of the political process. Note that in The Dark Knight, when hailing Harvey Dent as Gotham’s savior in a scene glorifying his super-sovereignty, Wayne tells Dent, “One fundraiser with my pals … you’ll never need another cent.” Batman, meanwhile, personifies the extra-juridical violence needed to clean up the messes Wayne’s system produces. Batman is the barely veiled, ever-necessary, and always spectacular violence that haunts Gotham.

 

Zombies, Feminismus und die Tücken des „Strong female characters“

Mittwoch, Mai 16th, 2012


Dem Zombie-Film zwar grundsätzlich eher abgeneigt (sehen wir mal von solchen Perlen wie 28 days later ab), bin ich doch kürzlich dank des Blogs fortschritt auf diesen Artikel aufmerksam geworden, der das Thema mal von einer interessanten Seite aufrollt. Behandelt werden Geschlechterrollen in Zombie-Filmen, was mir eine gute Sache scheint. Immerhin ist das Horror-Genre nicht unbedingt dafür bekannt, Frauen abseits von billigen Viktimisierungen überhaupt mal als handelnde Subjekte zu begreifen. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es zwar an weiblichen Zombie-Slayerinnen durchaus nicht mangele, es am Ende allerdings doch wieder die Kerle seien, die im Falle des Zombie-Angriffs auch tatsächlich das Ruder in die Hand nehmen und die verängstigte Dorfbevölkerung in sichere Gefilde führen:

There’s a reason zombie movies default to heroes rather than heroines, and it’s not just because studios won’t greenlight anything with a female lead. It’s reflective of the world we live in. If the rage virus swept across America tomorrow, lots of survivors probably would defer to the most competent man left standing, even if Hillary Clinton (or Condoleezza Rice, for that matter) were right there, dusting off her tattered pantsuit. Zombie narratives are about how normal folks respond to disaster, how you and your neighbors and your coworkers might react in the direst of situations. That’s why they make such convenient vehicles for social commentary.

Kurzum: Gefragt sind strong female characters. Dass es jedoch mit diesen auch nicht immer so einfach ist und nicht jede schießwütige Amazone auch ein positives Role-Model sein muss, machte die Autorin N.K. Jemisin auf ihrem Blog deutlich:

The SFC has programmed us to think “strong” whenever we see a woman with a gun, but not when we see a weaponless woman enduring something that would break another human being. Or we see her, but rationalize away her strength — sometimes until we convince ourselves that it’s something completely different. Strong women would leave an abusive relationship; the ones who stay must be cowards, for example. Or we come up with some other excuse. Even as we’re hit in the face with examples of a woman’s strength across hundreds of different circumstances and in thousands of different expressions, they mean nothing to us. We can’t even see the real strength in real women once we’ve been blinded by the stereotypical strength of the fictional SFC.