Archive for the ‘Loot & Salvage’ Category

Mrs Nicholsons seltsamer Traum

Samstag, Oktober 6th, 2012

Im Jahre 1924 schrieb die kalifornische Tribune-American Newspaper einen Wettbewerb aus, bei dem die Leser_innen ihre seltsamsten Träume einschicken sollten. Der ungewöhnlichste Beitrag wurde dann in einem Kurzfilm verarbeitet. Gewinnerin war Mrs L.L. Nicholson aus Oakland, die sich in ihrem Traum auf die Suche nach ihrem verlorenen Kind machte. Strange indeed.

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It began in 1924…

Mittwoch, September 5th, 2012


Nachdem wir hier auf dem Blog in ein paar Beiträgen bereits Ansätze der surrealistischen Kunstauffassung diskutiert haben, möchte ich hier gerne eine dazu passende Lektüreempfehlung anbringen. Durch Entdinglichung wurde ich auf einen aktuellen Essay-Band des marxistischen Philosophen Michael Löwy aufmerksam, der den Titel Morning Star – Surrealism, Marxism, Anarchism, Situationism, Utopia trägt. In den darin enthaltenen Beiträgen untersucht Löwy die verschiedenen Schnittpunkte zwischen dem Surrealismus und verschiedenen revolutionären Bestrebungen und Versuchen; vom Anarchismus über verschiedene Aspekte der marxistischen Theoriebildung hin zum Situationismus.

Neben dem Versuch zu ergründen, inwieweit und wo Avantgarde-Bewegungen wie der Surrealismus und theoretische Gesellschaftskritik einander befruchteten, umfasst der Band auch zahlreiche Einzeluntersuchungen zu den Werken von Claude Cahun, Guy Debord, Pierre Naville, José Carlos Mariátegui und anderen. Der Titel Morning Star bezieht sich auf das Motiv eines unvollendeten Gedichts Victor Hugos, das in André Bretons Essay Arcanum 17 von 1944 als Zeichen der Rebellion und des Aufruhrs wieder aufgenommen wird: „Revolt itself and revolt alone is the creator of light. And this light can only be known by way of three paths: poetry, freedom and love […]“

Dass es Löwy in seinen Essays nicht darum geht, kunstgeschichtliche Einordnungen und Bestimmungen vorzunehmen, wird bereits anhand der ersten Sätze des Essays Breaking out of the Steel Cage! deutlich:

Surrealism is not, has never been, and will never be a literary or artistic school but is a movement of the human spirit in revolt and an eminently subversive attempt to reenchant the world: an attempt to reestablish the “enchanted” dimensions at the core of human existence—poetry, passion, mad love, imagination, magic, myth, the marvelous, dreams, revolt, utopian ideals—which have been eradicated by this civilization and its values. In other words, Surrealism is a protest against narrow-minded rationality, the commercialization of life, petty thinking, and the boring realism of our money-dominated, industrial society. It is also the utopian and revolutionary aspiration to “transform life”—an adventure that is at once intellectual and passionate, political and magical, poetic and dreamlike. It began in 1924; it continues today.

Seine Analyse beinhaltet jedoch ebenso den Versuch, die „romantischen Elemente“ des Marxismus, die er bspw. in den Schriften Walter Benjamins, Herbert Marcuses oder des prä-stalinistischen Lukács findet, zu retten gegenüber einer autoritären Lesart der marxistischen Theorie. Der einleitende Essay verortet so auch den Surrealismus in einer Tradition des „romantischen Antikapitalismus“ — ein Begriff, der sicherlich diskussionswürdig ist.

Das Buch umfasst insgesamt 10 Essays, sowie eine Einleitung von Donald LaCoss. Es ist als kostenloser Download hier erhältlich. Obiges Bild ist übrigens Claude Cahuns „Selbstportrtät (als Gewichtheber) von 1927.

ЛЕФ & Новый ЛЕФ

Sonntag, September 2nd, 2012


Bei LEF (ЛЕФ) handelte es sich um das sowjetische Journal der Levy Front Iskusstv, einer Vereinigung avantgardistischer Schriftsteller_innen, Photograph_innen und Kunstkritiker_innen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, künstlerisch an der Entwicklung einer kommunistischen Gesellschaft mitzuwirken  — ein Anliegen, das zu diesem Zeitpunkt in den 1920er Jahren noch als reelle Möglichkeit Bestand zu haben schien.

LEF bestand von 1923 bis 1925 und wurde als Novy LEF (New LEF / Новый ЛЕФ) von 1927 bis 1929 noch einmal aufgelegt. Während dieser Zeit umfasste LEF Beiträge von Vladimir Mayakovsky, Sergei Tretyakov und Osip Brik, sowie Bilder und Montagen von Sergei Eisenstein. Für die Covergestaltung zeichnete sich Alexander Rodchenko verantwortlich. Das Journal stand während dieser Zeit dem „produktivistischen“ linken Flügel des Konstruktivismus nahe, dessen Vertreter_innen sich gegen das Dogma des sog. „sozialistischen Realismus“ wandten, der später zum Paradigma stalinistischer Kulturpolitik werden sollte. Spätere Ausgaben von LEF (insbesondere die Idee der Faktographie) hatten darüber hinaus großen Einfluss auf die ästhetischen und medientheoretischen Schriften von bspw. Walter Benjamin und Bertolt Brecht. 1929 zerbrach LEF unter Angriffen gegen den „Formalismus“ seiner Inhalte sowie einer Debatte über die zukünftige Ausrichtung des Journals.

Monoskop bietet nun sämtliche Ausgaben von LEF und Novy LEF als freien Download an. Wenngleich die Texte des Journals natürlich auf Russisch geschrieben sind, lohnt sich ein Blick nicht nur aufgrund der einzigartigen Covergestaltung Rodchenkos, sondern vor allem deshalb weil es sich hierbei um ein beeindruckendes Zeitdokument einer Periode handelt, in der die kommnunistische Idee noch nicht unter bürokratischer Erstarrung und repressiver Dogmen verschütt gegangen war. Die Übersetzung einiger Texte sowie begleitende Kommentare findet ihr übrigens hier.

Fisher (2011)

Freitag, August 31st, 2012

Fisher lebt vereinsamt und ausgegrenzt in einer kleinen Hütte an der Küste. Eines Tages veranlasst ihn eine Verkettung ungünstiger Ereignisse zu einer unfreiwilligen Reise der Selbsterkundung auf den Weiten des Meeres. Melancholisch, jedoch nicht ohne Hoffnung.

Ballard, die Stadt, das Spektakel

Mittwoch, August 8th, 2012


Ein weiterer Liebesbrief: Ballardian ist eine beeindruckende Sammlung von Artikeln, Essays, Interviews, Bildern und Videos, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem umfangreichen Werk J.G. Ballards auseinandersetzen. Ansatz des Projekts ist es, die Analysen nicht auf das literarische Feld zu beschränken, sondern vielmehr die Suche nach Querverbindungen mit der Welt der Mode, des Films, der Musik und selbstverständlich der Architektur anzuregen. Simon Sellars, der die Seite betreut, arbeitet offensichtlich gerade an einem Buch, welches den Titel Applied Ballardianism tragen wird. Einen ungefähren Eindruck der versammelten Inhalte vermittelt die Definition des Wortes ballardian:

BALLARDIAN: (adj) 1. of James Graham Ballard (J.G. Ballard; born 1930), the British novelist, or his works. (2) resembling or suggestive of the conditions described in Ballard’s novels & stories, esp. dystopian modernity, bleak man-made landscapes & the psychological effects of technological, social or environmental developments.

Besonders Architekt_innen scheinen seit geraumer Zeit Gefallen an Ballards bedrückenden urbanen Visionen zu finden. Geoff Manaugh, der Betreiber des BLDG-Blogs, nennt Ballard als eine seiner zentralen Inspirationsquellen. Aber auch weitergehende Untersuchungen, die sich mit den verschiedenen Implikationen des (post-)modernen Stadtlebens auseiandersetzten, wurden von Ballards Motiven beeinflusst. Durch Sellars‘ Blog wurde ich nun auf ein Symposium der Londoner Royal Academy of Arts aufmerksam, das 2010 stattfand und den Titel Ballardian Architecture: Inner and Outer Space trug. Die einzelnen Beiträge klingen äußerst vielversprechend.

Acclaimed writer JG Ballard derived inspiration from aspects of the built environment that architectural convention and critics tend to overlook. His novels offer many insights into the flaws and consequences of the shopping centres, car parks, hotels, office towers and housing projects that make up so much of contemporary architectural endeavour. This forum traces several themes in Ballard’s literary analysis of the contemporary built environment, including the concept of spectacle and role of the media in contemporary society, and how “invisible literatures” such as scientific journals, technical manuals, pornography, advertising copy can be seen as a literary counterpart to pop art and the “brutalist” aesthetic of modernity.

Dabei fand ich besonders das Referat des Philosophen John Gray interessant, der sich auf die Suche nach Analogien zwischen Ballards Vorstellung des urbanen Lebens und Guy Debords Begriff des Spektakels machte und in diesem Zusammenhang verschiedene aktuelle soziale Phänomene analysiert. Auch wenn ich ansonsten mit Grays Theorien herzlich wenig anfangen kann (insbesondere seine Vorstellungen zu Themen wie dem Humanismus oder dem utopischen Denken), äußert er in diesem kurzen Vortrag doch einige aufschlussreiche Gedanken. Ihr seid eingeladen, euch ein eigenes Bild zu machen.

Semiconductor #2: 20 Hertz

Sonntag, Juli 22nd, 2012

20 Hz observes a geo-magnetic storm occurring in the Earth’s upper atmosphere. Working with data collected from the CARISMA radio array and interpreted as audio, we hear tweeting and rumbles caused by incoming solar wind, captured at the frequency of 20 Hertz. Generated directly by the sound, tangible and sculptural forms emerge suggestive of scientific visualisations. As different frequencies interact both visually and aurally, complex patterns emerge to create interference phenomena that probe the limits of our perception.

Introducing Semiconductor: Brilliant Noise

Dienstag, Juli 17th, 2012

Für diejenigen unter euch, die sich schon immer die Frage gestellt haben, wie sich Space Weather wohl genau anhören mag: Semiconductor geben euch die Antwort darauf. Das britische Künstler_innen-Duo, bestehend aus Ruth Jarman und Joe Gerhardt, erschafft seit 1999 u.a. aus dem Bildmaterial der NASA kleine eindrucksvolle, bisweilen verstörende Videokunstwerke.

Brilliant Noise takes us into the data vaults of solar astronomy. After sifting through hundreds of thousands of computer files, made accessible via open access archives, Semiconductor have brought together some of the sun’s finest unseen moments. These images have been kept in their most raw form, revealing the energetic particles and solar wind as a rain of white noise. This grainy black and white quality is routinely cleaned up by NASA, hiding the processes and mechanics in action behind the capturing procedure. Most of the imagery has been collected as single snapshots containing additional information, by satellites orbiting the Earth. They are then reorganised into their spectral groups to create time-lapse sequences. The soundtrack highlights the hidden forces at play upon the solar surface, by directly translating areas of intensity within the image brightness into layers of audio manipulation and radio frequencies.

Ballardian landscapes

Sonntag, Juli 8th, 2012


Menschenleere Ödnis, unendlicher Raum; ein monoton dröhnender Loop setzt ein, Sand weht über die verlassene Straße. Nächster Film: Gigantische Glaspaläste wuchern in den Himmel. Gefangen auf einer Verkehrsinsel ändert auch der nicht abreißende Strom von Autos nichts an der eigenen Isolation. Schleppende psychedelische Beats strukturieren das Bild, lassen das Bedrohliche im Alltäglichen deutlich hervortreten.
Der Video- und Klangkünster Paul H. Williams fängt in seinen Kurzfilmen Themen und Stimmungen des 2009 verstorbenen SF-Autors J.G. Ballard ein, die er aus dem Bildmaterial zusammensetzt, das ihm das rasant wachsende Abu Dhabi bietet. Dabei entstehen beeindruckede Momentaufnahmen verschiedener Facetten gegenwärtiger Urbanität und Stadtentwicklung: „Best experienced with headphones.“


Leider beschränkt Williams das Einbetten seiner Videos (er mag seine Gründe dafür haben), weshalb ihr euch diesmal mit Click-Through-Links begnügen müsst. Verlinkt habe ich die Kurzfilme nach den Stories Vermilion Sands und Concrete Island. Der Rest des Werks ist aber nicht minder magnifique.

Free stuff

Samstag, Juli 7th, 2012

Da ich in den letzten Tagen nicht viel zum Schreiben kam, möchte ich an dieser Stelle nur kurz auf eine weitere schöne Homepage aufmerksam machen. Auf Free Speculative Fiction Online gibt es eine nicht gerade kleine Menge an kostenlosen (und zudem legalen) Speculative-Fiction-Stories von Asimov bis Zelazny zum Herunterladen oder als Verlinkung. Die meisten Stories stehen entweder unter (verschiedenen) Creative-Commons-Lizenzen oder sind Teil des Project Gutenberg. Dabei beinhaltet das Archiv nicht nur ältere Publikationen, sondern zu weiten Teilen auch aktuelle SF. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern.

„The way the future blogs“

Donnerstag, Juli 5th, 2012


Etwas erstaunt war ich doch, als ich entdeckte, dass Science-Fiction-Urgestein Frederik Pohl (Jahrgang 1919) seit ein paar Jahren ganz still und heimlich ein Blog führt. Der mehrfache Hugo- und Nebula-Award-Gewinner schreibt dort über seine neuesten Bücher, die aktuelle US-Politik, Ökologie und die Occupy-Bewegung. Besonders interessant ist das Ganze aber v.a. weil Pohl seine Erinnerungen sowohl als Autor als auch als Herausgeber der Zeitschriften Galaxy und If in zahlreichen Beiträgen protokolliert, darunter auch viele Texte über seine langjährige Freundschaft zu Isaac Asimov. Pohls Blog ist darum auch ein einmaliger Insider-Einblick in das Golden Age der Science Fiction. Als kleine Leseprobe soll hier ein Text über die Futurians, eine Gruppe von SF-Fans, -Autoren und -Redakteuren aus New York, dienen. Mehr davon gibt es auf The way the future blogs:

In those long and long-ago days — it’s been half a century! — we were not only young, we were mostly poor. We were all pretty skinny, too, though you wouldn’t think that to look at us now. I know this, because I have a picture of the twelve of us that was taken right around 1939. I dug it out to loan it to my publisher’s public relations people just the other day, and I looked at it for a long time before I put it in the overnight mail. We didn’t took like much, all grinning into the camera with our hairless, hopeful teenage faces. If you’d been given a couple of chances to guess, you might have thought we were a dozen Western Union boys on our day off (remember Western Union boys?), or maybe the senior debating club at some big-city all-boy high school. We weren’t any of those things, though. What we actually were was a club of red-hot science-fiction fans, and we called ourselves the Futurians.

That old photograph didn’t lie. It just didn’t tell the whole truth. The camera couldn’t capture the things that kept us together, because they were all inside our heads. For one thing, we were pretty smart — we knew it ourselves, and we were very willing to tell you so. For another, we were all deeply addicted readers of science fiction — we called it “stf “in those days, but that’s a whole other story. We thought stf was a lot of fun (all those jazzy rocket ships and zippy death rays, and big-chested Martians and squat, sinister monsters from Jupiter — oh, wow!) That wasn’t all of it, though. We also thought stf was important. We were absolutely sure that it provided the best view anyone could have of T*H*E F*U*T*U*R *E, by which we meant the kind of technologically dazzling, socially Utopian, and generally wonderful world which the rather frayed and frightening one we were stuck with living in might someday become.