Archive for the ‘Written Word’ Category

Free stuff

Samstag, Juli 7th, 2012

Da ich in den letzten Tagen nicht viel zum Schreiben kam, möchte ich an dieser Stelle nur kurz auf eine weitere schöne Homepage aufmerksam machen. Auf Free Speculative Fiction Online gibt es eine nicht gerade kleine Menge an kostenlosen (und zudem legalen) Speculative-Fiction-Stories von Asimov bis Zelazny zum Herunterladen oder als Verlinkung. Die meisten Stories stehen entweder unter (verschiedenen) Creative-Commons-Lizenzen oder sind Teil des Project Gutenberg. Dabei beinhaltet das Archiv nicht nur ältere Publikationen, sondern zu weiten Teilen auch aktuelle SF. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern.

Samuel R. Delany und die Sollbruchstellen der Ideologie

Donnerstag, Juni 28th, 2012

In schlechter akademischer Manier möchte ich meine Conclusio gleich an den Anfang stellen: Lest Delany! Tut es wirklich. Dafür gibt es gute Gründe: Nicht nur weil er das ist, was Feuilletonisten gern eine „schillernde Figur“ nennen – und auch nicht nur aus dem Grund heraus, dass er in den 1960ern getan hat, was lange überfällig war; nämlich die Science-Fiction-Literatur weißen Männern zu entreißen. Vor allem eigentlich deshalb, weil er wirklich ein guter Schriftsteller ist.

Delany lässt sich wohl grob der sogenannten New Wave zurechnen, jener Generation von Sci-Fi-Autor*innen also, die es sich zum Ziel gemacht hatten, mit den bestehenden Konventionen des Genres zu brechen. Dies betraf einerseits die Form: Durch Montagetechniken, den Einsatz des stream of consciousness, gezielt eingesetzte Ironie etc. näherte sich das Genre der literarischen Avantgarde der 1920er Jahre an. Andererseits wurde diese experimentelle Herangehensweise zumindest bei Teilen der Szene durch eine inhaltliche Erweiterung bzw. Radikalisierung ergänzt: Die New Wave warf nicht nur gezielt Themen wie Sexualität und Ausbeutung in den Genre-Diskurs, sie setzte auch den optimistischen Zukunftsentwürfen der vorherigen Generation gesellschaftliche Dystopien entgegen.

In dieser Zeit erscheint nun der junge Samuel R. Delany auf der Bildfläche, ein homosexueller Schwarzer aus Harlem, und schreibt mit 19 Jahren seinen ersten Roman: The Jewels of Aptor. 1966 erscheint Babel-17, das nicht nur Delany zu schlagartiger Bekanntheit verhilft, sondern dem es auch gelingt, mich 46 Jahre später immens zu begeistern.
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George und die weiße Zivilisierungsmission

Montag, Juni 11th, 2012


Zeit für eine Rückkehr an die Gestade der sieben Königreiche: Auch wenn die zweite Staffel „Game of Thrones“ mittlerweile über die Bühne ist, kann ich nicht anders als noch einmal nachzutreten. Es mag an meiner finsteren Natur liegen, oder auch an der Tatsache, dass phantastische Literatur recht selten in diesem Kontext analysiert wird. However: Einen Aspekt, der mir persönlich wichtig ist, habe ich bei meinem letzten Beitrag außen vor gelassen und werde ihn deshalb nun nachreichen.

Ich will noch einmal das Beispiel Daenerys aufgreifen. Sie präsentiert sich uns ja einerseits als positive Figur bzw. wird gezielt so inszeniert. Trotzdem wird gerade an ihr etwas offenbar, was sich nicht nur durch „A song of ice and fire“ zieht, sondern mir als ein generelles Phänomen erscheint, das immer wieder in phantastischer Literatur auftritt: Der Vorgang des Othering, also der Konstruktion des „Anderen“.

Daenerys funktioniert zunächst als Element der Kontrastierung. Sie musste aus Westeros fliehen, wird dann von ihrem Bruder an Khal Drogo verkauft und zieht schlussendlich mit ihm und seinem Khalasar durch die Welt. Wir nehmen die kulturelle Praxis der Dothraki also durch sie wahr, demnach auch stets in Abgrenzung zu ihren gewohnten kulturellen Normen, die mit den „fremden“ in permanentem Vergleich stehen. Die Erzählung ist in der Perspektivierung frühen europäischen Reiseberichten nicht unähnlich, die eine zentrale Rolle gespielt haben, was die Ausformung „unseres“ Bildes auf „fremde Kulturen“ angeht.

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Ray Bradbury ist gestorben

Donnerstag, Juni 7th, 2012

Politisch konnte ich nie etwas mit ihm anfangen, da war mir immer zu viel Konservatismus dabei. Leider fand der auch Einzug in sein literarisches Schaffen. Trotzdem: Seine Ideen, seine Imagination und seine düsteren Visionen werden fehlen. Ray Bradbury, der vor allem durch die „Mars-Chroniken“ und den dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ berühmt wurde, ist am 5. Juni im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben. Dietmar Dath hat in der FAZ einen lesenswerten Nachruf geschrieben, der sich der widersprüchlichen Figur Bradbury nähert und dabei versucht, die Rolle des Autors in der Entwicklung des literarischen Genres der SF zu bestimmen. Nachzulesen gibt es das hier.

Ein Ingenieur war er niemals – „The Rocket“ im für viele Science-Fiction-Schaffende gleichwohl stilprägenden Bändchen „The Illustrated Man“ von 1951 verrät seine Haltung zur technischen Machbarkeit des Phantastischen mit einem einzigen Satz übers Vorbeifliegen am Erdtrabanten, in dem der ganze Bradbury sich duckt und listig zwinkert: „The moon dreamed by“.

Politisch konservativ bis zur Sturheit, sozial dem Umbruch und der Auflösung des Vertrauten zutiefst abhold, war Bradbury ein Phantast, der noch in seinen der von interplanetarischen Abenteuern, dem rationalen Problemlösen und der exakten Wissenschaft nächststehenden Arbeiten, etwa den „Martian Chronicles“ von 1950, eine skeptische Haltung Wort werden ließ, die von der Zukunft zu flüstern schien, sie sei am besten schon in dem Augenblick vorüber, in dem wir uns nach ihr strecken, weil uns die Anstrengung der Selbstverwandlung sonst zerbricht.

Als die Science Fiction in den Sechziger Jahren ihre Foren und Hinterzimmer, ihre Zeitschriften und Buchreihen den Stimmen derer öffnen musste, die im technokratischen, von kompetenten, weißen, männlichen Hauptfiguren geprägten Erobererkanon des Genres zuvor zum Schweigen angehalten waren – Leuten wie dem schwarzen Homosexuellen Samuel R. Delany, Frauen wie Joanna Russ und dem Dichter der Verlierer des Fortschritts Barry Malzberg – hatte Bradbury, der mit Kulturrevolutionen nichts zu schaffen haben wollte, die Vorarbeit der Prägung eines anderen als des triumphalistischen, kompetenten, unbezwingbaren Tonfalls für den Traum vom Unwirklichen im Zwanzigsten Jahrhundert schon geleistet.

In the land of rape-threats

Samstag, Juni 2nd, 2012


In diesen Tagen steuert die schmucke Fantasy-Serie „Game of Thrones“ (nach der Reihe „A song of ice and fire“ von George R.R. Martin) munter auf das Ende der zweiten Staffel zu – und wirft mich in eine höchst missliche Lage. Vor einigen Jahre waren diese Bücher so ziemlich das Non-plus-ultra für mich. Und nun befinde ich mich in der lang ersehnten Situation, während der Hochphase eines Hypes endlich einmal sagen zu können, dass ich das cool fand „bevor es alle anderen cool fanden“; mir dabei aber gleichzeitig nicht mehr sicher bin, ob ich den kreativen Erzeugnissen des Herrn Martin noch so gänzlich zugeneigt bin. Eigentlich bin ich sogar sehr vielem mittlerweile sehr abgeneigt, oder anders ausgedrückt: Es gibt nicht wenige Aspekte dieses Werks, die mir gehörig auf den Zeiger gehen. Und da die Wellen der Begeisterung über die Serie gerade wieder hoch schlagen, möchte ich gerne ein bisschen Miesmacher spielen und euch meine Kritikpunkte nicht vorenthalten (weitere folgen in den nächsten Tagen).

 

1. Übersexualisierung
Ich habe an und für sich überhaupt kein Problem mit Sexszenen, Beschreibungen von Sexualität etc. In den Büchern waren sie zuhauf vorhanden, sie sagten über einige Figuren etwas aus (bspw. Tyrion), über andere nichts und das war auch in Ordnung. Nun übertrumpft jedoch die Serie die literarische Vorlage noch einmal deutlich und dies vor allem an Stellen, bei denen mir vollkommen schleierhaft ist, aus welchem Grund wir jetzt den Figuren beim Sex zuschauen dürfen, außer damit wir mal wieder ein paar nackte Brüste an vollständig gewachsten Körpern (soviel zur Anlehnung an mittelalterliche Feudalgesellschaften) betrachten dürfen. Was soll denn bitteschön diese beinahe schon bizarre Bordellszene zu Beginn der zweiten Staffel? Warum wird jeder Masterplan grundsätzlich in der Kiste erklärt? Und warum entsprechen sämtliche der in diesen Szenen dargestellten Frauen eigentlich gängigen Schönheitsnormen? Nebenbei bemerkt: Der einzige sexuelle Akt, der nur angedeutet, aber nicht vollständig gezeigt wird, ist dann bezeichnenderweise der zwischen zwei Männern. Sorry liebe Menschen von HBO: Fail.

 

2. Sexuelle Gewalt
Sowohl die Bücher als auch die Serie strotzen nur so vor sexueller Gewalt. Es existiert keine weibliche Figur in der gesamten Figurenkonstellation, die im Lauf der Handlung nicht mit mindestens einer Vergewaltigungsandrohung konfrontiert wird. Wer die bisher erschienenen Bücher durchliest, findet unzählige ausführliche Beschreibungen sexueller Übergriffe. Und auch hier wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem diese Beschreibungen nichts mehr mitteilen, zu leeren Platzhaltern werden und damit auch eine kritische Distanz, eine kritische Auseinandersetzung mit der dargestellten Gewalt unmöglich machen, weil der_die Leser_in ohne Gnade damit zugeballert wird. Ganz abgesehen davon, dass ein solcher Overkill nichts Kritisches an sich hat, sondern die Sache bagatellisiert.

 

3. Das Frauenbild
Nun wäre es möglich an dieser Stelle zu erwidern, dass Martin durch diese drastischen Beschreibungen eine Gesellschaft skizziert, die sich durch extreme patriarchale Strukturen, durch Misogynie und eine allgemeine Unterdrückung von Frauen auszeichnet – diese Formen der Unterdrückung damit auch irgendwie kritisiert. Tut er aber nicht. Und zwar wegen dem furchtbaren furchtbaren Frauenbild, das er zeichnet. Schauen wir uns mal ein paar Beispiele an: Am drastischsten springt einem da Daenerys ins Auge, die von ihrem Bruder an einen anderen Mann verkauft, von diesem regelmäßig zum Sex gezwungen wird, sich aber dann doch unsterblich in ihn verliebt. Ähm..genau. Eine unbeschreibliche Verharmlosung sexueller Gewalt, gedanklich recht nahe an „Die wollen das doch…“ und ähnlichem Müll – Geht überhaupt nicht, nicht in fantastischer Literatur und auch sonst nirgendwo. Nächstes Beispiel: Catelyn und Cersei, zwei Frauen die deutlich unter der männlichen gesellschaftlichen Dominanz, den patriarchalen Strukturen und den strikten Rollenverteilungen leiden und das (im Fall von Cersei) tatsächlich auch so artikulieren. Ein Hoffnungsschimmer? Mitnichten. Denn in dem Moment, in dem beide Frauen in Positionen gelangen, die ihnen Entscheidungsgewalt ermöglichen, scheitern sie vollends. Und zwar an ihren (angeblich dezidiert) „femininen Eigenschaften“. Bestes Beispiel ist Cersei: Sie wird in der gesamten Erzählung als berechnende kalte Spielerin beschrieben. Doch was passiert letztendlich? Ihre Emotionalität und die permanente Sorge um ihre Kinder machen ihr quasi einen Strich durch die Rechnung, verleiten sie zu einer langen Reihe irrationaler Entscheidungen, so dass in letzter Instanz doch wieder ein paar Kerle den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Kommt das jemandem bekannt vor? Biology rules them all! Niemand kann ihr widerstehen. Nebenbei bemerkt: Cersei, die einzige Figur die zumindest ansatzweise institutionalisierten Sexismus kritisiert, wird in jeder anderen Charaktereigenschaft als dermaßen unsympathisch beschrieben, dass es dann eigentlich auch egal ist, was sie sagt. Letztes Beispiel: Arya Stark und Brienne of Tarth. Die zwei einzigen zentralen weiblichen Charaktere, die nicht stereotypen Rollenbildern entsprechen, sondern sich gerne prügeln und wahlweise gesalbte Ritter oder schwertschwingende Attentäterinnen werden wollen, sind aus welchem Grund wohl so? Richtig, sie entsprechen nicht der Schönheitsnorm (in den Büchern nennt sich das „ugly“). Ja, warum sollten sie auch sonst so geworden sein?

„A fictionalizing philosopher…“

Dienstag, Mai 22nd, 2012


Dass Drogen nach wie vor medial interessanter sind als Gesellschaftskritik, beweist gerade die NY Times: Auf ihrer Homepage läuft momentan eine Artikelserie über Philip K. Dick als „Sci-Fi-Philosopher“. Bisher erschienen sind Part 1: Meditations on a Radiant Fish und Part 2: Future Gnostic. Die Artikel konzentrieren sich stark auf die Ereignisse rund um Februar und März 1974, in denen Dick nach der Einnahme von Natriumpentothal eine Reihe von Visionen erlebte. Bedauerlich: Die Wahrnehmung konzentriert sich so auf die Figur Dicks als eines abgedrehten Sonderlings, auf seine späten mystisch-theologischen Ausflüge einmal hinter den Regenbogen und wieder zurück. Ignoriert werden dabei die sozialen und politischen Implikationen seiner Texte, die Kritik an emotionaler Verarmung als Begleiterscheinung der kapitalistischen Entwicklung, an sozialer Kontrolle und Disziplinierung. Lesenswert sind die Texte dennoch über weite Strecken:

What Dick lacks in academic and scholarly rigor, he more than makes up for in powers of imagination and rich lateral, cumulative association. If he had known more, it might have led him to produce less interesting chains of ideas. In a later remark in “Exegesis,” Dick writes, “I am a fictionalizing philosopher, not a novelist.” He interestingly goes on to add, “The core of my writing is not art but truth.” We seem to be facing an apparent paradox, where the concern with truth, the classical goal of the philosopher, is not judged to be in opposition to fiction, but itself a work a fiction. Dick saw his fiction writing as the creative attempt to describe what he discerned as the true reality. He adds, “I am basically analytical, not creative; my writing is simply a creative way of handling analysis.”

To the moon and back

Dienstag, Mai 15th, 2012

Robert A. Heinlein ist definitiv einer jener Autoren, an denen man verzweifeln kann in ihrer Widersprüchlichkeit. Auf ihn aufmerksam geworden bin ich durch die wundervolle Ausstellung Out of this World: Science-Fiction but not as you know it, auf die ich zufällig letztes Jahr während eines Besuchs in London stieß. Was dazu führte, dass ich mir The moon is a harsh mistress besorgte. Der Plot klang zunächst äußerst dufte: Revolution auf dem Mond, garniert mit einem netten subversiven Slogan (TANSTAAFL – There ain’t no such thing as a free lunch), alternative Beziehungsmodelle und ein denkender Computer namens Mike. Und gerade die Schilderung des Mondes als einer zukünftigen Strafkolonie mitsamt ihrer Sozialstruktur ist es auch, die das Buch auszeichnet. Dennoch stellt uns Heinlein immer wieder vor einen Haufen unschöne Probleme. Da wäre sein Militärfetisch, seine Begeisterung für Ayn Rand und nicht zuletzt seine seltsamen Ansichten zu Sexualität. Nun gut, wir wollen ein literarisches Werk nicht nach den politischen Ansichten des Autors beurteilen. Leider macht es uns auch das Buch nicht unbedingt leichter.

Jo Walton hatte dazu auf tor einen lesenswerten Artikel veröffentlicht, in dem sie sich daran gemacht hat, die Widersprüche des Textes auszuloten. Dabei ist es nicht nur die Tatsache, dass Beziehungen mit Minderjährigen als etwas vollkommen Harmonisches (so ganz ohne Machtbeziehungen und den ganzen Kram), warscheinlich auch Erstrebenswertes beschrieben werden – sondern die Darstellung der Frauen im kompletten Text, die aus einer feministischen Perspektive zu kritisieren ist. Denn auch wenn die Schilderungen des Protagonisten Manny an Huldigungen für die Bewohnerinen Lunas nicht sparen, transportieren sie gleichzeitig einen nicht gerade kleinen Haufen an stereotypen Bildern und benevolentem Sexismus.

Nun ist es allerdings schwierig, mit aktuellen Maßstäben Literatur von 1966 zu bewerten. Walton schreibt dazu einige recht scharfsinnige Sätze:

During the discussions here and elsewhere about the Patterson biography, a friend pointed out that Heinlein was trying to imagine women’s liberation and getting it wrong. I think this is precisely it. We say “women’s lib” without really thinking of the implication—that before second wave feminism, women were not free. If you consider that all the women Heinlein had ever known were living in a system that had them pretty much enslaved, it’s excellent that he wanted to imagine how we would be if we were free, and not all that surprising that he couldn’t quite figure out what it would be like.

Auch wenn ich nicht der Ansicht bin, dass Frauen nach der second wave tatsächlich befreit sind (andere Diskussion), trifft sie hier doch den Punkt – obwohl darauf hinzuweisen wäre, dass diese Argumentation (andere Zeit usw.) auch gerne dazu benutzt wird, Unterdrückungsverhältnisse zu relativieren.
Die sexistische Arbeitsteilung und der krude Essentialismus, dieses ganze „Frauen sind wunderbar, weil sie fürsorglich/empathisch/etc. sind…“, das sich durch das ganze Buch zieht, gehen mir natürlich gehörig auf den Zeiger. Dennoch ist es ihm wohl zugute zu halten, dass er überhaupt das Thema der sexuellen Emanzipation in seine literarische Arbeit mit aufgenommen hat – so seltsam und kritikwürdig seine Ansichten und Vorstellungen dazu auch sein mögen.

In einem anderen Artikel schrieb Mitch Wagner über die Widersprüch der Person Heinlein und fasste die Problematik eigentlich in der Überschrift schon wunderbar zusammen: Heinlein: Forward-looking diversity advocate or sexist bigot? Yes. Einerseits machte sich Heinlein für seinen ethnically diverse cast gegenüber seinem Verleger stark, indem er bspw. darauf bestand einen jüdischen Charakter auf Raummission zu schicken, andererseits gelang es ihm nicht, andere marginalisierte Gruppen ebenso einzuschließen. In gewisser Weise korrespondiert das mit dem Verlauf von The moon is a harsh mistress: Die Gesellschaft auf Luna ist post-rassistisch, was sich unter anderem an dem gesprochenen Sprach-Mix zeigt, hat allerdings keineswegs sexistische Rollenbilder bzw. Arbeitsteilung überwunden.

Dass Heinlein auch in anderen Bereichen nicht unbedingt die progressivsten politischen Ansichten hatte, lässt sich anhand des Revolutionsverlauf erahnen: Letztendlich ist es nur dem denkenden Computer Mike und einigen kalkulierten Täuschungen der Mondbevölkerung zu verdanken, dass es überhaupt zum Aufstand kommt (der dann in seinen Zielen auch recht diffus daherkommt). Obwohl es sicherlich schön wäre, könnten Umwälzungen tatsächlich berechnet werden…

Wie also mit dem Autoren umgehen? Lesen, nicht lesen, auf den Mond schießen? Letztendlich bleibt uns wohl mal wieder ein recht unbefriedigendes „Ja, aber…“ Auf der einen Seite stehen Heinleins implizite Kritik an rassistischer Unterdrückung (umso beachtlicher wenn man bedenkt, dass der Mensch während der Zeit der „Rassentrennung“ aufgewachsen ist), seine Beschreibung einer Gesellschaft, die selbiges offensichtlich hinter sich hat – auf der anderen Seite sein seltsames Frauenbild mitsamt anderen seltsamen Vorstellungen. Wagner jedenfalls verteidigt Heinlein zu guter Letzt:

Heinlein was admirable in that he transcended many of the ethnic and gender prejudices of his time, but he was human in that he didn’t transcend all of them. He was born in the Edwardian Era, and died before the invention of the World Wide Web. We’re a future generation now, and looking back we judge him. Future generations will judge us, too.

Etwas knapp runtergebrochen – und vielleicht macht er es sich auch ein bisschen leicht. Es bleibt eine zwiespältige Angelegenheit und The moon is a harsh mistress sollte nicht unkritisch genossen werden. Trotzdem: Bei aller notwendigen Kritik und all den Dingen, die so überhaupt garnicht gehen, bleiben es doch die kritischen, hoffnungsvollen Momente, die eine Lektüre lohnenswert machen.