Archive for the ‘Kritik & Diskurs’ Category

Im Schlamm der Gegenwart

Samstag, Oktober 13th, 2012


Einen etwas älteren Text entdeckte ich vor kurzem (man höre und staune) auf der Seite des Deutschlandradios. Im April 2011 wurde dort eine „Betrachtung“ von Millay Hyatt „über das produktive Scheitern von Utopien“ gesendet. Anzuhören ist das Ganze leider nicht mehr, der dem Feature zugrunde liegende Text ist jedoch noch hier verfügbar und liest sich ganz gut:

Die Utopie existiert nicht. Was existiert, sind Vorstellungen und Bilder davon, was wäre, wenn sie existierte. Die Utopie ist ein Bild davon, was nicht existiert. Sie ist ein in sich gestülpter Widerspruch, ein Paradox. Wer an die Utopie appelliert, wer in Bild oder Schrift eine Utopie entwirft, demonstriert damit, dass es diesen guten Ort nicht gibt. Somit ist die Utopie ein Kippbild, in dem das Positive sich nicht lange halten kann, bevor es sich ins Negative kehrt: Ihre Darstellung ist der schmerzhafte Hinweis darauf, dass es eine enorme Kluft, eine scheinbar unüberbrückbare Distanz gibt, zwischen der Realität und dem Wunsch nach einer anderen, schöneren, besseren Welt. Die Utopie tut immer weh.

Hyatt macht sich dort daran, das utopische Begehren einerseits zu verteidigen, andererseits auch die damit einhergehenden Schwierigkeiten, die Fallstricke auf dem Weg zu dem „ganz Anderen“ zu bestimmen, und sucht letztendlich auch im Scheitern der utopischen Gesellschaftsentwürfe noch Produktives — und sei es, nach Jameson, die Erkenntnis über die kognitive Verstrickung in der eigenen Realität, das Feststecken der Einbildungskraft im „Schlamm der Gegenwart“.

Der Text ist insofern auch unabhängig der zentralen These interessant, als dass Hyatt im Zuge ihrer Argumentation gut verständlich zentrale Konzepte des utopischen Denkens bei Ernst Bloch, Fredric Jameson und Thomas Morus erklärt, das Feature somit auch als guter Einstieg in die Thematik dienen kann.

Bild via

It began in 1924…

Mittwoch, September 5th, 2012


Nachdem wir hier auf dem Blog in ein paar Beiträgen bereits Ansätze der surrealistischen Kunstauffassung diskutiert haben, möchte ich hier gerne eine dazu passende Lektüreempfehlung anbringen. Durch Entdinglichung wurde ich auf einen aktuellen Essay-Band des marxistischen Philosophen Michael Löwy aufmerksam, der den Titel Morning Star – Surrealism, Marxism, Anarchism, Situationism, Utopia trägt. In den darin enthaltenen Beiträgen untersucht Löwy die verschiedenen Schnittpunkte zwischen dem Surrealismus und verschiedenen revolutionären Bestrebungen und Versuchen; vom Anarchismus über verschiedene Aspekte der marxistischen Theoriebildung hin zum Situationismus.

Neben dem Versuch zu ergründen, inwieweit und wo Avantgarde-Bewegungen wie der Surrealismus und theoretische Gesellschaftskritik einander befruchteten, umfasst der Band auch zahlreiche Einzeluntersuchungen zu den Werken von Claude Cahun, Guy Debord, Pierre Naville, José Carlos Mariátegui und anderen. Der Titel Morning Star bezieht sich auf das Motiv eines unvollendeten Gedichts Victor Hugos, das in André Bretons Essay Arcanum 17 von 1944 als Zeichen der Rebellion und des Aufruhrs wieder aufgenommen wird: „Revolt itself and revolt alone is the creator of light. And this light can only be known by way of three paths: poetry, freedom and love […]“

Dass es Löwy in seinen Essays nicht darum geht, kunstgeschichtliche Einordnungen und Bestimmungen vorzunehmen, wird bereits anhand der ersten Sätze des Essays Breaking out of the Steel Cage! deutlich:

Surrealism is not, has never been, and will never be a literary or artistic school but is a movement of the human spirit in revolt and an eminently subversive attempt to reenchant the world: an attempt to reestablish the “enchanted” dimensions at the core of human existence—poetry, passion, mad love, imagination, magic, myth, the marvelous, dreams, revolt, utopian ideals—which have been eradicated by this civilization and its values. In other words, Surrealism is a protest against narrow-minded rationality, the commercialization of life, petty thinking, and the boring realism of our money-dominated, industrial society. It is also the utopian and revolutionary aspiration to “transform life”—an adventure that is at once intellectual and passionate, political and magical, poetic and dreamlike. It began in 1924; it continues today.

Seine Analyse beinhaltet jedoch ebenso den Versuch, die „romantischen Elemente“ des Marxismus, die er bspw. in den Schriften Walter Benjamins, Herbert Marcuses oder des prä-stalinistischen Lukács findet, zu retten gegenüber einer autoritären Lesart der marxistischen Theorie. Der einleitende Essay verortet so auch den Surrealismus in einer Tradition des „romantischen Antikapitalismus“ — ein Begriff, der sicherlich diskussionswürdig ist.

Das Buch umfasst insgesamt 10 Essays, sowie eine Einleitung von Donald LaCoss. Es ist als kostenloser Download hier erhältlich. Obiges Bild ist übrigens Claude Cahuns „Selbstportrtät (als Gewichtheber) von 1927.

Ballard, die Stadt, das Spektakel

Mittwoch, August 8th, 2012


Ein weiterer Liebesbrief: Ballardian ist eine beeindruckende Sammlung von Artikeln, Essays, Interviews, Bildern und Videos, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem umfangreichen Werk J.G. Ballards auseinandersetzen. Ansatz des Projekts ist es, die Analysen nicht auf das literarische Feld zu beschränken, sondern vielmehr die Suche nach Querverbindungen mit der Welt der Mode, des Films, der Musik und selbstverständlich der Architektur anzuregen. Simon Sellars, der die Seite betreut, arbeitet offensichtlich gerade an einem Buch, welches den Titel Applied Ballardianism tragen wird. Einen ungefähren Eindruck der versammelten Inhalte vermittelt die Definition des Wortes ballardian:

BALLARDIAN: (adj) 1. of James Graham Ballard (J.G. Ballard; born 1930), the British novelist, or his works. (2) resembling or suggestive of the conditions described in Ballard’s novels & stories, esp. dystopian modernity, bleak man-made landscapes & the psychological effects of technological, social or environmental developments.

Besonders Architekt_innen scheinen seit geraumer Zeit Gefallen an Ballards bedrückenden urbanen Visionen zu finden. Geoff Manaugh, der Betreiber des BLDG-Blogs, nennt Ballard als eine seiner zentralen Inspirationsquellen. Aber auch weitergehende Untersuchungen, die sich mit den verschiedenen Implikationen des (post-)modernen Stadtlebens auseiandersetzten, wurden von Ballards Motiven beeinflusst. Durch Sellars‘ Blog wurde ich nun auf ein Symposium der Londoner Royal Academy of Arts aufmerksam, das 2010 stattfand und den Titel Ballardian Architecture: Inner and Outer Space trug. Die einzelnen Beiträge klingen äußerst vielversprechend.

Acclaimed writer JG Ballard derived inspiration from aspects of the built environment that architectural convention and critics tend to overlook. His novels offer many insights into the flaws and consequences of the shopping centres, car parks, hotels, office towers and housing projects that make up so much of contemporary architectural endeavour. This forum traces several themes in Ballard’s literary analysis of the contemporary built environment, including the concept of spectacle and role of the media in contemporary society, and how “invisible literatures” such as scientific journals, technical manuals, pornography, advertising copy can be seen as a literary counterpart to pop art and the “brutalist” aesthetic of modernity.

Dabei fand ich besonders das Referat des Philosophen John Gray interessant, der sich auf die Suche nach Analogien zwischen Ballards Vorstellung des urbanen Lebens und Guy Debords Begriff des Spektakels machte und in diesem Zusammenhang verschiedene aktuelle soziale Phänomene analysiert. Auch wenn ich ansonsten mit Grays Theorien herzlich wenig anfangen kann (insbesondere seine Vorstellungen zu Themen wie dem Humanismus oder dem utopischen Denken), äußert er in diesem kurzen Vortrag doch einige aufschlussreiche Gedanken. Ihr seid eingeladen, euch ein eigenes Bild zu machen.

(Re)reading Queerly

Samstag, Juli 28th, 2012

Eine kleine Lektüreempfehlung für euch: Angeregt durch die hier stattgefundene Diskussion habe ich mich noch einmal auf die Suche nach Texten gemacht, die sich explizit mit dem Thema Geschlecht innerhalb des SF-Genres auseinandersetzen. Dabei stieß ich auf einen Artikel von Veronica Hollinger, ihres Zeichens Dozentin für Cultural Studies an der Trent University, aus einer älteren Ausgabe der Science-Fiction-Studies: (Re)reading Queerly: Science Fiction, Feminism, and the Defamiliarization of Gender. Hollinger macht sich daran, aus einer queer-feministischen Perspektive und innerhalb des theoretischen Konzepts von gender-as-performance Geschlechterverhältnisse in SF-Texten zu analysieren; am Beispiel von Joanna Russ, James Tiptree Jr. und C.L. Moore. Was ihren Ansatz dabei so interessant macht, ist, dass sie nicht bei der bloßen Darstellung von bspw. weiblichen Figuren stehen bleibt, sondern Überlegungen anstellt, wie Science-Fiction-Literatur zur kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Kategorie Geschlecht (mitsamt den sich daraus ergebenden Implikationen) und zur Dekonstruktion hegemonialer Vorstellungen über „natürliche“ Sexualitäten beitragen kann.

All too often, heteronormativity is embedded in both theory and fiction as „natural“ and „universal,“ a kind of barely glimpsed default gender setting which remains unquestioned and untheorized. Science fiction would seem to be ideally suited, as a narrative mode, to the construction of imaginative challenges to the smoothly oiled technologies of heteronormativity, especially when/as these almost invisible technologies are pressed into the service of a coercive regime of compulsory heterosexuality. However, in spite of science fiction’s function as a literature of cognitive estrangement, and in spite of the work of both feminist writers and critics in their on-going efforts to re-think the problematics of gender—especially gender’s impact on the lives of women—heterosexuality as an institutionalized nexus of human activity remains stubbornly resistant to defamiliarization. On the whole, science fiction is an overwhelmingly straight discourse, not least because of the covert yet almost completely totalizing ideological hold heterosexuality has on our culture’s ability to imagine itself otherwise. Both science fiction as a narrative field and feminism as a political and theoretical field work themselves out, for the most part, within the terms of an almost completely naturalized heterosexual binary. As Michael Warner puts it, „Het culture thinks of itself as the elemental form of human association, as the very model of inter-gender relations, as the indivisible basis of all community, and as the means of reproduction without which society wouldn’t exist“

Und da dieser Artikel schon so manchen Sommer gesehen hat, möchte ich hier gleich noch auf etwas Aktuelleres aufmerksam machen. In einem Podcast des Toronto Review of Books vom 30. März spricht Hollinger über Technologies of Enchantment in Science Fiction.

Out of this world

Montag, Juni 4th, 2012

Von Zeit zu Zeit beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Es wiederholt sich immer wieder: Sobald ich eine tolle Sache entdecke, muss ich als nächstes feststellen, dass ich zu spät bin; dass sich die Kapelle aufgelöst hat, die Veranstaltungsreihe abgebrochen wurde usw. So auch bei den Out-of-this-world-Kongressen, die zwischen 2000 und 2004 in Bremen stattfanden. Auch hier brauchte es erst den Tipp eines gastierenden Referenten (der sich als Fellow nerd entpuppte), bis ich auf diese Kongresse aufmerksam wurde, auf denen versucht wurde, das Verhältnis von Science-Fiction, Gesellschaftskritik und Utopie auszuloten. Und selbstverständlich war der letzte Kongress bereits gelaufen. Mein heiliger Zorn hält sich allerdings in Grenzen, da ich vor ein paar Tagen auf Jakobs Blog, den Reader des zweiten Kongresses entdeckte, der frei zur Verfügung steht. Ich wünsche viel Vergnügen.

The Value of Science Fiction

Donnerstag, Mai 24th, 2012

Von Zeit zu Zeit ist es doch ganz schön, sozusagen von alleroberster Stelle versichert zu bekommen, dass der Gegenstand der eigenen Beschäftigung wertvoll, großartig, wasauchimmer ist. Deshalb dieses kleine Filmchen, aus den 70ern, in dem neun Autoren (darunter auch Isaac Asimov) ihre Vorstellungen über den Wert und die relevanten Themen von Science-Fiction zum Besten geben. Nicht alles erleuchtend, trotzdem interessant und darüber hinaus gibt’s etliche schöne Hornbrillen zu bestaunen. Brought to you by AboutSF: