Archive for the ‘Kunst & Fotografie’ Category

If the future is gone…

Dienstag, Oktober 16th, 2012


Auch wenn die Metropolen dieser Welt in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen durchlaufen haben; die außergewöhnlichsten Transformationen stehen ihnen noch bevor. Zumindest wenn man einer Gruppe von Architekten und Künstler_innen glauben darf. „If the future is gone, what past is expecting us?“ — Unter dieser etwas verwirrenden Frage lief dieses Jahr der Wettbewerb New York City Vision. Teilnehmende waren aufgerufen, ein architektonisches Bild von New York zu entwerfen, basierend auf einer alternativen historischen Entwicklung, einem kompletten Versagen moderner Stadtpolitik oder einer Kombination aus beidem.

Unter den eingesandten Entwürfen finden sich sowohl Visionen, in denen die Manhattener Bevölkerung sich in die Vororte zurückzieht, während die Innenstadt zur energiespendenden Müllhalde umfunktioniert wird, als auch Pläne für die Vertauschung der Flächen von Manhattan und Central Park: Wo sich jetzt der Park befindet, dürften sich privaten Unternehmen ansiedeln, die dann eine kleine Insel inmitten einer riesigen Grünfläche bilden würden.

Die Entwürfe sind nicht nur schön anzuschauen, sondern vermitteln darüber hinaus auch viel über die gegenwärtige Kritik an aktueller Stadtplanung und -entwicklung kapitalistischer Metropolen — aber auch über die Träume und Wunschvorstellungen der Menschen, die darin leben und arbeiten. Nicht nur die pragmatischen Konzeptionen, die unmittelbar auf soziale Probleme wie Isolation und Umweltverschmutzung reagieren, sind einen Blick wert. Es sind vor allem die vollkommen unrealistischen fantastischen Spekulationen, die am meisten über die uneingelösten Versprechen gegenwärtiger Urbanisierung verrraten.




Das Ende des Wohnungsproblems

Sonntag, September 30th, 2012


Retro-Futurismus, die Zweite. Ähnliche Zeit, dieses mal jedoch die andere Seite des eisernen Vorhangs: die NASA und die Lösung des Wohnungsproblems mittels „space colonies – the size of a California beach town“.

In the 1970′s the Princeton physicist Gerard O’Neill with the help of NASA Ames Research Center and Stanford University held a series of space colony summer studies which explored the possibilities of humans living in giant orbiting spaceships. Colonies housing about 10,000 people were designed and a number of artistic renderings of the concepts were made.



Bilder via | Zum Weiterlesen hier entlang

KPdSU gegen Tentakelmonster

Mittwoch, September 12th, 2012


Das sowjetische Magazin Техника – молодёжи (Tehnika Molodezhi: „Technology for the Youth“) war seit seiner Gründung 1933 eine der bekanntesten russischen Zeitschriften, die wissenschaftliche Themen für Jugendliche vermittelte. In den 70er Jahren gehörten u.a. Werner Heisenberg, Robert Oppenheimer und Ivan Pavlov zu denjenigen, die in Tehnika Molodezhi Artikel veröffentlichten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch v.a. die Cover, die mittlerweile online einsehbar sind. Es findet sich besonders bei den früheren Ausgaben eine Menge stilisierten Militärkults, sehr viel offensichtliche Propaganda unter dem Paradigma des „sozialistischen Realismus“, welche die technische Überlegenheit der Sowjetunion feiert. Dennoch war Tehnika Molodezhi auch der Ort, an dem oftmals zum ersten Mal ausländische Science-Fiction-Literatur veröffentlicht wurde (das Magazin hatte und hat ebenfalls eine große SF-Sektion) — etwas, das man auch der Covergestaltung ansehen kann. Und so sind insbesondere die späteren Cover der 60er und 70er Jahre eine teilweise geradezu bizarr anmutende Mischung aus psychedelischen SF-Motiven, klassischen Raumfahrtbildern, seltsamen Aliens und sowjetischer Symbolik — und damit auch der visuelle Ausdruck einer augescheinlichen Verzahnung von Ideologie und Popkultur. Beachtet bitte die beiden Astronauten in bunt schillernden kristallinen Anzügen oder (mein Favorit) den Kampf der KPdSU gegen übermächtige Tentakel-Pflanzen-Monster.






Den Rest der Cover findet ihr im Fotostream von Socialism Expo.

It began in 1924…

Mittwoch, September 5th, 2012


Nachdem wir hier auf dem Blog in ein paar Beiträgen bereits Ansätze der surrealistischen Kunstauffassung diskutiert haben, möchte ich hier gerne eine dazu passende Lektüreempfehlung anbringen. Durch Entdinglichung wurde ich auf einen aktuellen Essay-Band des marxistischen Philosophen Michael Löwy aufmerksam, der den Titel Morning Star – Surrealism, Marxism, Anarchism, Situationism, Utopia trägt. In den darin enthaltenen Beiträgen untersucht Löwy die verschiedenen Schnittpunkte zwischen dem Surrealismus und verschiedenen revolutionären Bestrebungen und Versuchen; vom Anarchismus über verschiedene Aspekte der marxistischen Theoriebildung hin zum Situationismus.

Neben dem Versuch zu ergründen, inwieweit und wo Avantgarde-Bewegungen wie der Surrealismus und theoretische Gesellschaftskritik einander befruchteten, umfasst der Band auch zahlreiche Einzeluntersuchungen zu den Werken von Claude Cahun, Guy Debord, Pierre Naville, José Carlos Mariátegui und anderen. Der Titel Morning Star bezieht sich auf das Motiv eines unvollendeten Gedichts Victor Hugos, das in André Bretons Essay Arcanum 17 von 1944 als Zeichen der Rebellion und des Aufruhrs wieder aufgenommen wird: „Revolt itself and revolt alone is the creator of light. And this light can only be known by way of three paths: poetry, freedom and love […]“

Dass es Löwy in seinen Essays nicht darum geht, kunstgeschichtliche Einordnungen und Bestimmungen vorzunehmen, wird bereits anhand der ersten Sätze des Essays Breaking out of the Steel Cage! deutlich:

Surrealism is not, has never been, and will never be a literary or artistic school but is a movement of the human spirit in revolt and an eminently subversive attempt to reenchant the world: an attempt to reestablish the “enchanted” dimensions at the core of human existence—poetry, passion, mad love, imagination, magic, myth, the marvelous, dreams, revolt, utopian ideals—which have been eradicated by this civilization and its values. In other words, Surrealism is a protest against narrow-minded rationality, the commercialization of life, petty thinking, and the boring realism of our money-dominated, industrial society. It is also the utopian and revolutionary aspiration to “transform life”—an adventure that is at once intellectual and passionate, political and magical, poetic and dreamlike. It began in 1924; it continues today.

Seine Analyse beinhaltet jedoch ebenso den Versuch, die „romantischen Elemente“ des Marxismus, die er bspw. in den Schriften Walter Benjamins, Herbert Marcuses oder des prä-stalinistischen Lukács findet, zu retten gegenüber einer autoritären Lesart der marxistischen Theorie. Der einleitende Essay verortet so auch den Surrealismus in einer Tradition des „romantischen Antikapitalismus“ — ein Begriff, der sicherlich diskussionswürdig ist.

Das Buch umfasst insgesamt 10 Essays, sowie eine Einleitung von Donald LaCoss. Es ist als kostenloser Download hier erhältlich. Obiges Bild ist übrigens Claude Cahuns „Selbstportrtät (als Gewichtheber) von 1927.