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It began in 1924…

Mittwoch, September 5th, 2012


Nachdem wir hier auf dem Blog in ein paar Beiträgen bereits Ansätze der surrealistischen Kunstauffassung diskutiert haben, möchte ich hier gerne eine dazu passende Lektüreempfehlung anbringen. Durch Entdinglichung wurde ich auf einen aktuellen Essay-Band des marxistischen Philosophen Michael Löwy aufmerksam, der den Titel Morning Star – Surrealism, Marxism, Anarchism, Situationism, Utopia trägt. In den darin enthaltenen Beiträgen untersucht Löwy die verschiedenen Schnittpunkte zwischen dem Surrealismus und verschiedenen revolutionären Bestrebungen und Versuchen; vom Anarchismus über verschiedene Aspekte der marxistischen Theoriebildung hin zum Situationismus.

Neben dem Versuch zu ergründen, inwieweit und wo Avantgarde-Bewegungen wie der Surrealismus und theoretische Gesellschaftskritik einander befruchteten, umfasst der Band auch zahlreiche Einzeluntersuchungen zu den Werken von Claude Cahun, Guy Debord, Pierre Naville, José Carlos Mariátegui und anderen. Der Titel Morning Star bezieht sich auf das Motiv eines unvollendeten Gedichts Victor Hugos, das in André Bretons Essay Arcanum 17 von 1944 als Zeichen der Rebellion und des Aufruhrs wieder aufgenommen wird: „Revolt itself and revolt alone is the creator of light. And this light can only be known by way of three paths: poetry, freedom and love […]“

Dass es Löwy in seinen Essays nicht darum geht, kunstgeschichtliche Einordnungen und Bestimmungen vorzunehmen, wird bereits anhand der ersten Sätze des Essays Breaking out of the Steel Cage! deutlich:

Surrealism is not, has never been, and will never be a literary or artistic school but is a movement of the human spirit in revolt and an eminently subversive attempt to reenchant the world: an attempt to reestablish the “enchanted” dimensions at the core of human existence—poetry, passion, mad love, imagination, magic, myth, the marvelous, dreams, revolt, utopian ideals—which have been eradicated by this civilization and its values. In other words, Surrealism is a protest against narrow-minded rationality, the commercialization of life, petty thinking, and the boring realism of our money-dominated, industrial society. It is also the utopian and revolutionary aspiration to “transform life”—an adventure that is at once intellectual and passionate, political and magical, poetic and dreamlike. It began in 1924; it continues today.

Seine Analyse beinhaltet jedoch ebenso den Versuch, die „romantischen Elemente“ des Marxismus, die er bspw. in den Schriften Walter Benjamins, Herbert Marcuses oder des prä-stalinistischen Lukács findet, zu retten gegenüber einer autoritären Lesart der marxistischen Theorie. Der einleitende Essay verortet so auch den Surrealismus in einer Tradition des „romantischen Antikapitalismus“ — ein Begriff, der sicherlich diskussionswürdig ist.

Das Buch umfasst insgesamt 10 Essays, sowie eine Einleitung von Donald LaCoss. Es ist als kostenloser Download hier erhältlich. Obiges Bild ist übrigens Claude Cahuns „Selbstportrtät (als Gewichtheber) von 1927.