Posts Tagged ‘Dietmar Dath’

Für die Befreiung des audiovisuellen Reizes vom Visuellen

Sonntag, Januar 27th, 2013


Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bieten – neben zahlreichem Feuilletonistischem, das weit mehr über die Freude der Vortragenden, sich selbst reden zu hören, als über den behandelten Gegenstand selbst verrät, sowie der Hofierung diverser meist unsympathischer Vertreter_innen des parlamentarischen Betriebs – auch von Zeit zu Zeit kleine hörenswerte Stücke der Hörspielkunst. Exemplarisch dafür steht beispielsweise die vergleichsweise neue Bearbeitung des Ulysses von James Joyce, die über die Weihnachtsfeiertage auf Deutschlandradio gesendet wurde, und anhand derer die weitreichenden Möglichkeiten dieser spezifischen und (meiner Meinung nach) unterschätzten Kunstform deutlich werden. Wer nicht gerade eine gut sortierte öffentliche Bibliothek in seiner Nähe weiß, dem würde ich den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks nahelegen, wo dankenswerterweise sämtliche Produktionen und Features zum Herunterladen zur Verfügung stehen. Zwei davon, die mir besonders deutlich im Gedächtnis blieben, möchte ich euch hier kurz vorstellen:


Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten
„Die Zeit der Langeweile ist vorbei.“ – Ein über elfstündiges, sehr aufwendig gestaltetes Hörspielprojekt von 2008, auf Basis des gleichnamigen Romans des Journalisten und Autoren Dietmar Dath. Eine zukünftige posthumane Gesellschaft von sprechenden Tieren (genannt Gente), die das bestehende Falsche hinter sich gelassen hat, dient hier als Ausgangspunkt für zahlreiche ausschweifende Reflexionen über naturwissenschaftliche ebenso wie philosophische Fragen, über Kunst und Gesellschaft, ohne dabei der Gefahr eines glattgebügelten konfliktfreien Gesellschaftsentwurf zu erliegen. Die Ankündigung verspricht einen Hybrid: „Fabel, Science Fiction, utopischer Roman, postmodernes Gedankenexperiment, philosophisches Szenario.“ Musik und Geräusche haben dazu die nimmermüden Tüftler von mouse on mars beigesteuert.

 

Raoul Hausmann: Hyle. Ein Traumsein in Spanien
Hausmann ist vor allem als dadaistischer (Anti-)Künstler und Monteur zahlreicher Fotocollagen bekannt geworden. Weniger bekannt ist sein Projekt Hyle – ein Roman, an dem er bis in die 1960er Jahre arbeitete. Dieser „autobiographische Mythos“, wie ihn Hausmann selbst nannte, ist zwar zeitlich in den Exiljahren auf Ibiza 1933 bis 1936 verortet, folgt aber innerhalb dieser Eckpfeiler nur der freien Assoziation: Perspektiven wechseln, die Zeit fließt und erstarrt wieder. Viel von Hausmanns spöttischem Ton lässt sich auch hier wiederfinden, doch darin geht der Text nicht auf. Er pendelt vielmehr zwischen den Themen Traum und Sinnverlust, Vereinzelung, Flucht und der Unerkennbarkeit der Welt – und ist damit zugleich Nachsinnen über die konkrete Erfahrung der politischen Verfolgung durch den Faschismus sowie des generellen Erfahrungsverlusts des modernen Subjekts.

Ray Bradbury ist gestorben

Donnerstag, Juni 7th, 2012

Politisch konnte ich nie etwas mit ihm anfangen, da war mir immer zu viel Konservatismus dabei. Leider fand der auch Einzug in sein literarisches Schaffen. Trotzdem: Seine Ideen, seine Imagination und seine düsteren Visionen werden fehlen. Ray Bradbury, der vor allem durch die „Mars-Chroniken“ und den dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ berühmt wurde, ist am 5. Juni im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben. Dietmar Dath hat in der FAZ einen lesenswerten Nachruf geschrieben, der sich der widersprüchlichen Figur Bradbury nähert und dabei versucht, die Rolle des Autors in der Entwicklung des literarischen Genres der SF zu bestimmen. Nachzulesen gibt es das hier.

Ein Ingenieur war er niemals – „The Rocket“ im für viele Science-Fiction-Schaffende gleichwohl stilprägenden Bändchen „The Illustrated Man“ von 1951 verrät seine Haltung zur technischen Machbarkeit des Phantastischen mit einem einzigen Satz übers Vorbeifliegen am Erdtrabanten, in dem der ganze Bradbury sich duckt und listig zwinkert: „The moon dreamed by“.

Politisch konservativ bis zur Sturheit, sozial dem Umbruch und der Auflösung des Vertrauten zutiefst abhold, war Bradbury ein Phantast, der noch in seinen der von interplanetarischen Abenteuern, dem rationalen Problemlösen und der exakten Wissenschaft nächststehenden Arbeiten, etwa den „Martian Chronicles“ von 1950, eine skeptische Haltung Wort werden ließ, die von der Zukunft zu flüstern schien, sie sei am besten schon in dem Augenblick vorüber, in dem wir uns nach ihr strecken, weil uns die Anstrengung der Selbstverwandlung sonst zerbricht.

Als die Science Fiction in den Sechziger Jahren ihre Foren und Hinterzimmer, ihre Zeitschriften und Buchreihen den Stimmen derer öffnen musste, die im technokratischen, von kompetenten, weißen, männlichen Hauptfiguren geprägten Erobererkanon des Genres zuvor zum Schweigen angehalten waren – Leuten wie dem schwarzen Homosexuellen Samuel R. Delany, Frauen wie Joanna Russ und dem Dichter der Verlierer des Fortschritts Barry Malzberg – hatte Bradbury, der mit Kulturrevolutionen nichts zu schaffen haben wollte, die Vorarbeit der Prägung eines anderen als des triumphalistischen, kompetenten, unbezwingbaren Tonfalls für den Traum vom Unwirklichen im Zwanzigsten Jahrhundert schon geleistet.