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Jean Giraud, Underdogs und das Ende der Science-Fiction: Ein großer Haufen Querverweise

Donnerstag, Mai 31st, 2012

Obiges Bild stammt von dem unbeschreiblichen Jean Giraud, besser bekannt als Moebius. Auf Sci-Fi-O-Rama gibt es einen Nachruf auf den Künstler und Illustrator, der u.a. für die Zeichnungen der Silver-Surfer-Comics verantwortlich war, und am 10. März diesen Jahres starb.

Jean Giraud was one of the worlds finest comic artists and fantasists, up there with luminaries such as Federico Fellini, Stan Lee and Hayao Miyazaki . Perhaps in fact he was the finest, I don’t think it’s an exaggerated statement to suggest that Giraud possessed an almost supernatural ability, an artist whose oneness with his inner creative universe was matched only by his voracious workrate. It’s extremely poignant to now think that every vision forged from Moebius’s staggeringly complex creative mind has now been produced, there’ll never be another…

Wer sich einen Überblick über das vielfältige Werk Girauds machen möchte, dem lege ich The airtight garage ans Herz. Die offizielle Seite des Künstlers findet ihr hier.

Meanwhile: Zack Jernigan widmet sich in einem Roundtable Interview zusammen mit David Anthony Durham, Aliette de Bodard, Adrian Tchaikovsky und Ken Liu dem Thema Writing About Race in Science Fiction and Fantasy. Dabei kommen einige anregende Gedanken zusammen:

When issues of race are considered, there is a lot of extremely reactionary material in the genre. Not just the overt and (to modern sensibilities) grotesquely unpleasant material that one often saw back in the pulp days of Howard, but even nowadays a lot of fantasy settings are essentially a sea of white faces, whilst the isolated black characters often have difficulties escaping from the “noble savage warrior” box, and religious fanatics continually erupt from the desert.

Der erste Teil ist vor ein paar Tagen erschienen, es werden noch weitere Teile folgen. Also: Stay tuned!

Auf dem Schriftsonar werden derweil Autoren & Kritiker nach den Underdogs der SF befragt, den „Most Underrated SF-Novels“. Klingt vielversprechend.

Molosovsky bloggt über das Ende der Science-Fiction: hier und hier. Es handelt sich dabei um eine Debatte, zu der wir wohl in den nächsten Tagen auch auf diesem Blog etwas schreiben werden. Losgetreten wurde das mit diversen Beiträgen auf Telepolis: Michael Szameit fragte zunächst, ob SF am Ende sei:

Wird jetzt alles besser? Viele SF-Fans fiebern mit viel Ungeduld und noch mehr Erwartungen dem neuen Kino-Spektakel „Prometheus“ von Ridley Scott entgegen. Sind die Hoffnungen auf ein neues Highlight der Science-Fiction-Filmkunst berechtigt? Ich bin eher skeptisch und fürchte, dass auch dieser Film die Reduktion des Genres auf Militanz, Action und Horror nur weiter vorantreiben wird.

Es folgten Reaktionen von Myra Çakan und Thomas Wawerka. Bisher nur kurz überflogen, werde in den nächsten Tagen noch einmal ausführlich etwas dazu schreiben. Ein Blick auf Molosovskys Blog lohnt sich übrigens auch unabhängig von dieser Debatte.
Und noch einmal Mass Effect: Liz Bourke schreibt auf tor.com über die Normalisierung des „Woman Heros“. Außerdem lesenswert: Anlässlich seines 78. Geburtstags —  3 quick ways to introduce yourself to the work of Harlan Ellison.

To the moon and back

Dienstag, Mai 15th, 2012

Robert A. Heinlein ist definitiv einer jener Autoren, an denen man verzweifeln kann in ihrer Widersprüchlichkeit. Auf ihn aufmerksam geworden bin ich durch die wundervolle Ausstellung Out of this World: Science-Fiction but not as you know it, auf die ich zufällig letztes Jahr während eines Besuchs in London stieß. Was dazu führte, dass ich mir The moon is a harsh mistress besorgte. Der Plot klang zunächst äußerst dufte: Revolution auf dem Mond, garniert mit einem netten subversiven Slogan (TANSTAAFL – There ain’t no such thing as a free lunch), alternative Beziehungsmodelle und ein denkender Computer namens Mike. Und gerade die Schilderung des Mondes als einer zukünftigen Strafkolonie mitsamt ihrer Sozialstruktur ist es auch, die das Buch auszeichnet. Dennoch stellt uns Heinlein immer wieder vor einen Haufen unschöne Probleme. Da wäre sein Militärfetisch, seine Begeisterung für Ayn Rand und nicht zuletzt seine seltsamen Ansichten zu Sexualität. Nun gut, wir wollen ein literarisches Werk nicht nach den politischen Ansichten des Autors beurteilen. Leider macht es uns auch das Buch nicht unbedingt leichter.

Jo Walton hatte dazu auf tor einen lesenswerten Artikel veröffentlicht, in dem sie sich daran gemacht hat, die Widersprüche des Textes auszuloten. Dabei ist es nicht nur die Tatsache, dass Beziehungen mit Minderjährigen als etwas vollkommen Harmonisches (so ganz ohne Machtbeziehungen und den ganzen Kram), warscheinlich auch Erstrebenswertes beschrieben werden – sondern die Darstellung der Frauen im kompletten Text, die aus einer feministischen Perspektive zu kritisieren ist. Denn auch wenn die Schilderungen des Protagonisten Manny an Huldigungen für die Bewohnerinen Lunas nicht sparen, transportieren sie gleichzeitig einen nicht gerade kleinen Haufen an stereotypen Bildern und benevolentem Sexismus.

Nun ist es allerdings schwierig, mit aktuellen Maßstäben Literatur von 1966 zu bewerten. Walton schreibt dazu einige recht scharfsinnige Sätze:

During the discussions here and elsewhere about the Patterson biography, a friend pointed out that Heinlein was trying to imagine women’s liberation and getting it wrong. I think this is precisely it. We say “women’s lib” without really thinking of the implication—that before second wave feminism, women were not free. If you consider that all the women Heinlein had ever known were living in a system that had them pretty much enslaved, it’s excellent that he wanted to imagine how we would be if we were free, and not all that surprising that he couldn’t quite figure out what it would be like.

Auch wenn ich nicht der Ansicht bin, dass Frauen nach der second wave tatsächlich befreit sind (andere Diskussion), trifft sie hier doch den Punkt – obwohl darauf hinzuweisen wäre, dass diese Argumentation (andere Zeit usw.) auch gerne dazu benutzt wird, Unterdrückungsverhältnisse zu relativieren.
Die sexistische Arbeitsteilung und der krude Essentialismus, dieses ganze „Frauen sind wunderbar, weil sie fürsorglich/empathisch/etc. sind…“, das sich durch das ganze Buch zieht, gehen mir natürlich gehörig auf den Zeiger. Dennoch ist es ihm wohl zugute zu halten, dass er überhaupt das Thema der sexuellen Emanzipation in seine literarische Arbeit mit aufgenommen hat – so seltsam und kritikwürdig seine Ansichten und Vorstellungen dazu auch sein mögen.

In einem anderen Artikel schrieb Mitch Wagner über die Widersprüch der Person Heinlein und fasste die Problematik eigentlich in der Überschrift schon wunderbar zusammen: Heinlein: Forward-looking diversity advocate or sexist bigot? Yes. Einerseits machte sich Heinlein für seinen ethnically diverse cast gegenüber seinem Verleger stark, indem er bspw. darauf bestand einen jüdischen Charakter auf Raummission zu schicken, andererseits gelang es ihm nicht, andere marginalisierte Gruppen ebenso einzuschließen. In gewisser Weise korrespondiert das mit dem Verlauf von The moon is a harsh mistress: Die Gesellschaft auf Luna ist post-rassistisch, was sich unter anderem an dem gesprochenen Sprach-Mix zeigt, hat allerdings keineswegs sexistische Rollenbilder bzw. Arbeitsteilung überwunden.

Dass Heinlein auch in anderen Bereichen nicht unbedingt die progressivsten politischen Ansichten hatte, lässt sich anhand des Revolutionsverlauf erahnen: Letztendlich ist es nur dem denkenden Computer Mike und einigen kalkulierten Täuschungen der Mondbevölkerung zu verdanken, dass es überhaupt zum Aufstand kommt (der dann in seinen Zielen auch recht diffus daherkommt). Obwohl es sicherlich schön wäre, könnten Umwälzungen tatsächlich berechnet werden…

Wie also mit dem Autoren umgehen? Lesen, nicht lesen, auf den Mond schießen? Letztendlich bleibt uns wohl mal wieder ein recht unbefriedigendes „Ja, aber…“ Auf der einen Seite stehen Heinleins implizite Kritik an rassistischer Unterdrückung (umso beachtlicher wenn man bedenkt, dass der Mensch während der Zeit der „Rassentrennung“ aufgewachsen ist), seine Beschreibung einer Gesellschaft, die selbiges offensichtlich hinter sich hat – auf der anderen Seite sein seltsames Frauenbild mitsamt anderen seltsamen Vorstellungen. Wagner jedenfalls verteidigt Heinlein zu guter Letzt:

Heinlein was admirable in that he transcended many of the ethnic and gender prejudices of his time, but he was human in that he didn’t transcend all of them. He was born in the Edwardian Era, and died before the invention of the World Wide Web. We’re a future generation now, and looking back we judge him. Future generations will judge us, too.

Etwas knapp runtergebrochen – und vielleicht macht er es sich auch ein bisschen leicht. Es bleibt eine zwiespältige Angelegenheit und The moon is a harsh mistress sollte nicht unkritisch genossen werden. Trotzdem: Bei aller notwendigen Kritik und all den Dingen, die so überhaupt garnicht gehen, bleiben es doch die kritischen, hoffnungsvollen Momente, die eine Lektüre lohnenswert machen.