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Lasst die Industriebrache stehen!

Freitag, Mai 25th, 2012

Wo sollte Ruben Fernandez sonst seine post-apokalyptischen Kurzfilme drehen? Zwischen Nahrungsmittelknappheit, Verteilungskämpfen und alltäglicher Gewalt bleibt doch die Hoffnung auf den utopischen Spaziergang am Strand. Aber seht selbst!

Was fasziniert uns eigentlich an diesem hemmungslosen Herumgespinne über unsere eigene Vernichtung und das Danach? Sicherlich haben Mutanten ihre ganz eigene unverwechselbare Ästhetik (ich zumindest steh drauf), aber das ist noch nicht alles. Es sind die Themen, die hier verhandelt werden: Weil die post-apokalyptische Fiktion nicht nur als Warnung vor dem „So-weiter-machen“ funktioniert, vor der drohenden und permanenten Katastrophe, die im Subtext der kapitalistischen Erzählung mitschwingt — sondern auch das Bewusstsein für die Krise der Subjekte schärft, indem sie in gesteigerter Form wiedergibt, was bereits Alltag ist: das Leben in einer feindlichen Welt. Was also in post-apokalyptischen Texten, Filmen etc. verhandelt wird, ist mitnichten fernab unserer Lebenswelten. Walter Benjamin hat einmal geschrieben, dass die Katastrophe „nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene“ sei (auf aergernis gibt es dazu übrigens ein interessantes Interview mit Roger Behrens). Insofern kann die post-apokalyptische Vorstellung als der bildhafte Ausdruck der bestehenden Verhältnisse, der gegenwärtigen Zumutungen und Tendenzen betrachtet werden – jede Epoche träumt die nächste (nochmal Benjamin).

Dabei würde ich trotzdem auf einem repressiven Trennstrich zwischen kritischer Dystopie und den kulturindustriell gefertigten Katastrophenfilmchen bestehen, die uns alle paar Jahre um die Ohren sausen. Denn während erstere als eine Art Erneuerung der Utopie verstanden werden kann, ist es in letzteren die Konzentration auf die eine, unausweichliche Katastrophe, die jede reflektierende Distanz unmöglich macht. Ganz abgesehen davon, dass Filme dieser Art grundsätzlich so gedreht sind, dass die Betrachtenden mit aller zur Verfügung stehenden Gewalt ins Geschehen hineingezogen werden. Was bleibt, ist in aller Regel ein „Stell dir mal vor, das würde passieren…“, das ganz selbstverständlich ignoriert, dass es schon passiert, nur eben nicht so spektakulär; eben nicht am Tag X, sondern jeden Tag.

Trotzdem ist nicht jede Dystopie per se kritisch. Evan Calder Williams hat hier einen guten Text über etwas geschrieben, was er dystopian realism nennt (jüngstes Beispiel The Road, nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy): Geschichten, die vom Überleben nach der Katastrophe handeln, dabei aber den Fokus auf das Zusammenbrechen der gesellschaftlichen Ordnung richten. Die Folgen sind in diesen Erzählungen eigentlich immer Gewalt, Kannibalismus, Xenophobie etc. Ich würde ihm nicht in allen Punkten zustimmen, er spricht aber einige wichtige Punkte an:

Underpinning this all is a deep commitment to a certain conception of the human animal. At the end of history (here defined as the narrative of a civilizing project tending toward the global stalemate of liberal capitalism), we discover that our capacity to act badly is not historically contingent or determined. More than that, we see that whatever the accidents of history were, whatever the repressions and imbalances that shaped the globe, they were ultimately a necessary corrective to the chaotic fury of the human unchained. According to this perspective, one far more common than a set of serious-minded art films, it isn’t that we act badly because the reigning order’s mechanisms of exploitation and domination were rewarded and learned.

Nor is it that the catastrophic undercutting of those structures left a void into which the learned patterns could only continue in a bloody and relentless recurrence of the same: what else do we know how to do, other than steal, rape, cheat, and kill …

Es verwundert dann auch nicht, dass der Ausweg aus der alltäglichen Barbarei in McCarthys Erzählung die (Klein-)Familie ist. Als ob diese in irgendeinem Gegensatz zu gewaltvollen gesellschaftlichen Beziehungen stünde. Williams stellt in diesem Zusammenhang zurecht die Frage: „Why do the vast majority of apocalyptic fantasies assume that things going bad will lead to human relations going far, far worse?“ (Unbewusste) Hobbes-Fans fand ich ja irgendwie noch nie so richtig toll.