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To the moon and back

Dienstag, Mai 15th, 2012

Robert A. Heinlein ist definitiv einer jener Autoren, an denen man verzweifeln kann in ihrer Widersprüchlichkeit. Auf ihn aufmerksam geworden bin ich durch die wundervolle Ausstellung Out of this World: Science-Fiction but not as you know it, auf die ich zufällig letztes Jahr während eines Besuchs in London stieß. Was dazu führte, dass ich mir The moon is a harsh mistress besorgte. Der Plot klang zunächst äußerst dufte: Revolution auf dem Mond, garniert mit einem netten subversiven Slogan (TANSTAAFL – There ain’t no such thing as a free lunch), alternative Beziehungsmodelle und ein denkender Computer namens Mike. Und gerade die Schilderung des Mondes als einer zukünftigen Strafkolonie mitsamt ihrer Sozialstruktur ist es auch, die das Buch auszeichnet. Dennoch stellt uns Heinlein immer wieder vor einen Haufen unschöne Probleme. Da wäre sein Militärfetisch, seine Begeisterung für Ayn Rand und nicht zuletzt seine seltsamen Ansichten zu Sexualität. Nun gut, wir wollen ein literarisches Werk nicht nach den politischen Ansichten des Autors beurteilen. Leider macht es uns auch das Buch nicht unbedingt leichter.

Jo Walton hatte dazu auf tor einen lesenswerten Artikel veröffentlicht, in dem sie sich daran gemacht hat, die Widersprüche des Textes auszuloten. Dabei ist es nicht nur die Tatsache, dass Beziehungen mit Minderjährigen als etwas vollkommen Harmonisches (so ganz ohne Machtbeziehungen und den ganzen Kram), warscheinlich auch Erstrebenswertes beschrieben werden – sondern die Darstellung der Frauen im kompletten Text, die aus einer feministischen Perspektive zu kritisieren ist. Denn auch wenn die Schilderungen des Protagonisten Manny an Huldigungen für die Bewohnerinen Lunas nicht sparen, transportieren sie gleichzeitig einen nicht gerade kleinen Haufen an stereotypen Bildern und benevolentem Sexismus.

Nun ist es allerdings schwierig, mit aktuellen Maßstäben Literatur von 1966 zu bewerten. Walton schreibt dazu einige recht scharfsinnige Sätze:

During the discussions here and elsewhere about the Patterson biography, a friend pointed out that Heinlein was trying to imagine women’s liberation and getting it wrong. I think this is precisely it. We say “women’s lib” without really thinking of the implication—that before second wave feminism, women were not free. If you consider that all the women Heinlein had ever known were living in a system that had them pretty much enslaved, it’s excellent that he wanted to imagine how we would be if we were free, and not all that surprising that he couldn’t quite figure out what it would be like.

Auch wenn ich nicht der Ansicht bin, dass Frauen nach der second wave tatsächlich befreit sind (andere Diskussion), trifft sie hier doch den Punkt – obwohl darauf hinzuweisen wäre, dass diese Argumentation (andere Zeit usw.) auch gerne dazu benutzt wird, Unterdrückungsverhältnisse zu relativieren.
Die sexistische Arbeitsteilung und der krude Essentialismus, dieses ganze „Frauen sind wunderbar, weil sie fürsorglich/empathisch/etc. sind…“, das sich durch das ganze Buch zieht, gehen mir natürlich gehörig auf den Zeiger. Dennoch ist es ihm wohl zugute zu halten, dass er überhaupt das Thema der sexuellen Emanzipation in seine literarische Arbeit mit aufgenommen hat – so seltsam und kritikwürdig seine Ansichten und Vorstellungen dazu auch sein mögen.

In einem anderen Artikel schrieb Mitch Wagner über die Widersprüch der Person Heinlein und fasste die Problematik eigentlich in der Überschrift schon wunderbar zusammen: Heinlein: Forward-looking diversity advocate or sexist bigot? Yes. Einerseits machte sich Heinlein für seinen ethnically diverse cast gegenüber seinem Verleger stark, indem er bspw. darauf bestand einen jüdischen Charakter auf Raummission zu schicken, andererseits gelang es ihm nicht, andere marginalisierte Gruppen ebenso einzuschließen. In gewisser Weise korrespondiert das mit dem Verlauf von The moon is a harsh mistress: Die Gesellschaft auf Luna ist post-rassistisch, was sich unter anderem an dem gesprochenen Sprach-Mix zeigt, hat allerdings keineswegs sexistische Rollenbilder bzw. Arbeitsteilung überwunden.

Dass Heinlein auch in anderen Bereichen nicht unbedingt die progressivsten politischen Ansichten hatte, lässt sich anhand des Revolutionsverlauf erahnen: Letztendlich ist es nur dem denkenden Computer Mike und einigen kalkulierten Täuschungen der Mondbevölkerung zu verdanken, dass es überhaupt zum Aufstand kommt (der dann in seinen Zielen auch recht diffus daherkommt). Obwohl es sicherlich schön wäre, könnten Umwälzungen tatsächlich berechnet werden…

Wie also mit dem Autoren umgehen? Lesen, nicht lesen, auf den Mond schießen? Letztendlich bleibt uns wohl mal wieder ein recht unbefriedigendes „Ja, aber…“ Auf der einen Seite stehen Heinleins implizite Kritik an rassistischer Unterdrückung (umso beachtlicher wenn man bedenkt, dass der Mensch während der Zeit der „Rassentrennung“ aufgewachsen ist), seine Beschreibung einer Gesellschaft, die selbiges offensichtlich hinter sich hat – auf der anderen Seite sein seltsames Frauenbild mitsamt anderen seltsamen Vorstellungen. Wagner jedenfalls verteidigt Heinlein zu guter Letzt:

Heinlein was admirable in that he transcended many of the ethnic and gender prejudices of his time, but he was human in that he didn’t transcend all of them. He was born in the Edwardian Era, and died before the invention of the World Wide Web. We’re a future generation now, and looking back we judge him. Future generations will judge us, too.

Etwas knapp runtergebrochen – und vielleicht macht er es sich auch ein bisschen leicht. Es bleibt eine zwiespältige Angelegenheit und The moon is a harsh mistress sollte nicht unkritisch genossen werden. Trotzdem: Bei aller notwendigen Kritik und all den Dingen, die so überhaupt garnicht gehen, bleiben es doch die kritischen, hoffnungsvollen Momente, die eine Lektüre lohnenswert machen.