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Samuel R. Delany und die Sollbruchstellen der Ideologie

Donnerstag, Juni 28th, 2012

In schlechter akademischer Manier möchte ich meine Conclusio gleich an den Anfang stellen: Lest Delany! Tut es wirklich. Dafür gibt es gute Gründe: Nicht nur weil er das ist, was Feuilletonisten gern eine „schillernde Figur“ nennen – und auch nicht nur aus dem Grund heraus, dass er in den 1960ern getan hat, was lange überfällig war; nämlich die Science-Fiction-Literatur weißen Männern zu entreißen. Vor allem eigentlich deshalb, weil er wirklich ein guter Schriftsteller ist.

Delany lässt sich wohl grob der sogenannten New Wave zurechnen, jener Generation von Sci-Fi-Autor*innen also, die es sich zum Ziel gemacht hatten, mit den bestehenden Konventionen des Genres zu brechen. Dies betraf einerseits die Form: Durch Montagetechniken, den Einsatz des stream of consciousness, gezielt eingesetzte Ironie etc. näherte sich das Genre der literarischen Avantgarde der 1920er Jahre an. Andererseits wurde diese experimentelle Herangehensweise zumindest bei Teilen der Szene durch eine inhaltliche Erweiterung bzw. Radikalisierung ergänzt: Die New Wave warf nicht nur gezielt Themen wie Sexualität und Ausbeutung in den Genre-Diskurs, sie setzte auch den optimistischen Zukunftsentwürfen der vorherigen Generation gesellschaftliche Dystopien entgegen.

In dieser Zeit erscheint nun der junge Samuel R. Delany auf der Bildfläche, ein homosexueller Schwarzer aus Harlem, und schreibt mit 19 Jahren seinen ersten Roman: The Jewels of Aptor. 1966 erscheint Babel-17, das nicht nur Delany zu schlagartiger Bekanntheit verhilft, sondern dem es auch gelingt, mich 46 Jahre später immens zu begeistern.
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