Posts Tagged ‘Sexualität’

George und die weiße Zivilisierungsmission

Montag, Juni 11th, 2012


Zeit für eine Rückkehr an die Gestade der sieben Königreiche: Auch wenn die zweite Staffel „Game of Thrones“ mittlerweile über die Bühne ist, kann ich nicht anders als noch einmal nachzutreten. Es mag an meiner finsteren Natur liegen, oder auch an der Tatsache, dass phantastische Literatur recht selten in diesem Kontext analysiert wird. However: Einen Aspekt, der mir persönlich wichtig ist, habe ich bei meinem letzten Beitrag außen vor gelassen und werde ihn deshalb nun nachreichen.

Ich will noch einmal das Beispiel Daenerys aufgreifen. Sie präsentiert sich uns ja einerseits als positive Figur bzw. wird gezielt so inszeniert. Trotzdem wird gerade an ihr etwas offenbar, was sich nicht nur durch „A song of ice and fire“ zieht, sondern mir als ein generelles Phänomen erscheint, das immer wieder in phantastischer Literatur auftritt: Der Vorgang des Othering, also der Konstruktion des „Anderen“.

Daenerys funktioniert zunächst als Element der Kontrastierung. Sie musste aus Westeros fliehen, wird dann von ihrem Bruder an Khal Drogo verkauft und zieht schlussendlich mit ihm und seinem Khalasar durch die Welt. Wir nehmen die kulturelle Praxis der Dothraki also durch sie wahr, demnach auch stets in Abgrenzung zu ihren gewohnten kulturellen Normen, die mit den „fremden“ in permanentem Vergleich stehen. Die Erzählung ist in der Perspektivierung frühen europäischen Reiseberichten nicht unähnlich, die eine zentrale Rolle gespielt haben, was die Ausformung „unseres“ Bildes auf „fremde Kulturen“ angeht.

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In the land of rape-threats

Samstag, Juni 2nd, 2012


In diesen Tagen steuert die schmucke Fantasy-Serie „Game of Thrones“ (nach der Reihe „A song of ice and fire“ von George R.R. Martin) munter auf das Ende der zweiten Staffel zu – und wirft mich in eine höchst missliche Lage. Vor einigen Jahre waren diese Bücher so ziemlich das Non-plus-ultra für mich. Und nun befinde ich mich in der lang ersehnten Situation, während der Hochphase eines Hypes endlich einmal sagen zu können, dass ich das cool fand „bevor es alle anderen cool fanden“; mir dabei aber gleichzeitig nicht mehr sicher bin, ob ich den kreativen Erzeugnissen des Herrn Martin noch so gänzlich zugeneigt bin. Eigentlich bin ich sogar sehr vielem mittlerweile sehr abgeneigt, oder anders ausgedrückt: Es gibt nicht wenige Aspekte dieses Werks, die mir gehörig auf den Zeiger gehen. Und da die Wellen der Begeisterung über die Serie gerade wieder hoch schlagen, möchte ich gerne ein bisschen Miesmacher spielen und euch meine Kritikpunkte nicht vorenthalten (weitere folgen in den nächsten Tagen).

 

1. Übersexualisierung
Ich habe an und für sich überhaupt kein Problem mit Sexszenen, Beschreibungen von Sexualität etc. In den Büchern waren sie zuhauf vorhanden, sie sagten über einige Figuren etwas aus (bspw. Tyrion), über andere nichts und das war auch in Ordnung. Nun übertrumpft jedoch die Serie die literarische Vorlage noch einmal deutlich und dies vor allem an Stellen, bei denen mir vollkommen schleierhaft ist, aus welchem Grund wir jetzt den Figuren beim Sex zuschauen dürfen, außer damit wir mal wieder ein paar nackte Brüste an vollständig gewachsten Körpern (soviel zur Anlehnung an mittelalterliche Feudalgesellschaften) betrachten dürfen. Was soll denn bitteschön diese beinahe schon bizarre Bordellszene zu Beginn der zweiten Staffel? Warum wird jeder Masterplan grundsätzlich in der Kiste erklärt? Und warum entsprechen sämtliche der in diesen Szenen dargestellten Frauen eigentlich gängigen Schönheitsnormen? Nebenbei bemerkt: Der einzige sexuelle Akt, der nur angedeutet, aber nicht vollständig gezeigt wird, ist dann bezeichnenderweise der zwischen zwei Männern. Sorry liebe Menschen von HBO: Fail.

 

2. Sexuelle Gewalt
Sowohl die Bücher als auch die Serie strotzen nur so vor sexueller Gewalt. Es existiert keine weibliche Figur in der gesamten Figurenkonstellation, die im Lauf der Handlung nicht mit mindestens einer Vergewaltigungsandrohung konfrontiert wird. Wer die bisher erschienenen Bücher durchliest, findet unzählige ausführliche Beschreibungen sexueller Übergriffe. Und auch hier wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem diese Beschreibungen nichts mehr mitteilen, zu leeren Platzhaltern werden und damit auch eine kritische Distanz, eine kritische Auseinandersetzung mit der dargestellten Gewalt unmöglich machen, weil der_die Leser_in ohne Gnade damit zugeballert wird. Ganz abgesehen davon, dass ein solcher Overkill nichts Kritisches an sich hat, sondern die Sache bagatellisiert.

 

3. Das Frauenbild
Nun wäre es möglich an dieser Stelle zu erwidern, dass Martin durch diese drastischen Beschreibungen eine Gesellschaft skizziert, die sich durch extreme patriarchale Strukturen, durch Misogynie und eine allgemeine Unterdrückung von Frauen auszeichnet – diese Formen der Unterdrückung damit auch irgendwie kritisiert. Tut er aber nicht. Und zwar wegen dem furchtbaren furchtbaren Frauenbild, das er zeichnet. Schauen wir uns mal ein paar Beispiele an: Am drastischsten springt einem da Daenerys ins Auge, die von ihrem Bruder an einen anderen Mann verkauft, von diesem regelmäßig zum Sex gezwungen wird, sich aber dann doch unsterblich in ihn verliebt. Ähm..genau. Eine unbeschreibliche Verharmlosung sexueller Gewalt, gedanklich recht nahe an „Die wollen das doch…“ und ähnlichem Müll – Geht überhaupt nicht, nicht in fantastischer Literatur und auch sonst nirgendwo. Nächstes Beispiel: Catelyn und Cersei, zwei Frauen die deutlich unter der männlichen gesellschaftlichen Dominanz, den patriarchalen Strukturen und den strikten Rollenverteilungen leiden und das (im Fall von Cersei) tatsächlich auch so artikulieren. Ein Hoffnungsschimmer? Mitnichten. Denn in dem Moment, in dem beide Frauen in Positionen gelangen, die ihnen Entscheidungsgewalt ermöglichen, scheitern sie vollends. Und zwar an ihren (angeblich dezidiert) „femininen Eigenschaften“. Bestes Beispiel ist Cersei: Sie wird in der gesamten Erzählung als berechnende kalte Spielerin beschrieben. Doch was passiert letztendlich? Ihre Emotionalität und die permanente Sorge um ihre Kinder machen ihr quasi einen Strich durch die Rechnung, verleiten sie zu einer langen Reihe irrationaler Entscheidungen, so dass in letzter Instanz doch wieder ein paar Kerle den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Kommt das jemandem bekannt vor? Biology rules them all! Niemand kann ihr widerstehen. Nebenbei bemerkt: Cersei, die einzige Figur die zumindest ansatzweise institutionalisierten Sexismus kritisiert, wird in jeder anderen Charaktereigenschaft als dermaßen unsympathisch beschrieben, dass es dann eigentlich auch egal ist, was sie sagt. Letztes Beispiel: Arya Stark und Brienne of Tarth. Die zwei einzigen zentralen weiblichen Charaktere, die nicht stereotypen Rollenbildern entsprechen, sondern sich gerne prügeln und wahlweise gesalbte Ritter oder schwertschwingende Attentäterinnen werden wollen, sind aus welchem Grund wohl so? Richtig, sie entsprechen nicht der Schönheitsnorm (in den Büchern nennt sich das „ugly“). Ja, warum sollten sie auch sonst so geworden sein?