Posts Tagged ‘Stadt und Raum’

If the future is gone…

Dienstag, Oktober 16th, 2012


Auch wenn die Metropolen dieser Welt in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen durchlaufen haben; die außergewöhnlichsten Transformationen stehen ihnen noch bevor. Zumindest wenn man einer Gruppe von Architekten und Künstler_innen glauben darf. „If the future is gone, what past is expecting us?“ — Unter dieser etwas verwirrenden Frage lief dieses Jahr der Wettbewerb New York City Vision. Teilnehmende waren aufgerufen, ein architektonisches Bild von New York zu entwerfen, basierend auf einer alternativen historischen Entwicklung, einem kompletten Versagen moderner Stadtpolitik oder einer Kombination aus beidem.

Unter den eingesandten Entwürfen finden sich sowohl Visionen, in denen die Manhattener Bevölkerung sich in die Vororte zurückzieht, während die Innenstadt zur energiespendenden Müllhalde umfunktioniert wird, als auch Pläne für die Vertauschung der Flächen von Manhattan und Central Park: Wo sich jetzt der Park befindet, dürften sich privaten Unternehmen ansiedeln, die dann eine kleine Insel inmitten einer riesigen Grünfläche bilden würden.

Die Entwürfe sind nicht nur schön anzuschauen, sondern vermitteln darüber hinaus auch viel über die gegenwärtige Kritik an aktueller Stadtplanung und -entwicklung kapitalistischer Metropolen — aber auch über die Träume und Wunschvorstellungen der Menschen, die darin leben und arbeiten. Nicht nur die pragmatischen Konzeptionen, die unmittelbar auf soziale Probleme wie Isolation und Umweltverschmutzung reagieren, sind einen Blick wert. Es sind vor allem die vollkommen unrealistischen fantastischen Spekulationen, die am meisten über die uneingelösten Versprechen gegenwärtiger Urbanisierung verrraten.




Ballard, die Stadt, das Spektakel

Mittwoch, August 8th, 2012


Ein weiterer Liebesbrief: Ballardian ist eine beeindruckende Sammlung von Artikeln, Essays, Interviews, Bildern und Videos, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem umfangreichen Werk J.G. Ballards auseinandersetzen. Ansatz des Projekts ist es, die Analysen nicht auf das literarische Feld zu beschränken, sondern vielmehr die Suche nach Querverbindungen mit der Welt der Mode, des Films, der Musik und selbstverständlich der Architektur anzuregen. Simon Sellars, der die Seite betreut, arbeitet offensichtlich gerade an einem Buch, welches den Titel Applied Ballardianism tragen wird. Einen ungefähren Eindruck der versammelten Inhalte vermittelt die Definition des Wortes ballardian:

BALLARDIAN: (adj) 1. of James Graham Ballard (J.G. Ballard; born 1930), the British novelist, or his works. (2) resembling or suggestive of the conditions described in Ballard’s novels & stories, esp. dystopian modernity, bleak man-made landscapes & the psychological effects of technological, social or environmental developments.

Besonders Architekt_innen scheinen seit geraumer Zeit Gefallen an Ballards bedrückenden urbanen Visionen zu finden. Geoff Manaugh, der Betreiber des BLDG-Blogs, nennt Ballard als eine seiner zentralen Inspirationsquellen. Aber auch weitergehende Untersuchungen, die sich mit den verschiedenen Implikationen des (post-)modernen Stadtlebens auseiandersetzten, wurden von Ballards Motiven beeinflusst. Durch Sellars‘ Blog wurde ich nun auf ein Symposium der Londoner Royal Academy of Arts aufmerksam, das 2010 stattfand und den Titel Ballardian Architecture: Inner and Outer Space trug. Die einzelnen Beiträge klingen äußerst vielversprechend.

Acclaimed writer JG Ballard derived inspiration from aspects of the built environment that architectural convention and critics tend to overlook. His novels offer many insights into the flaws and consequences of the shopping centres, car parks, hotels, office towers and housing projects that make up so much of contemporary architectural endeavour. This forum traces several themes in Ballard’s literary analysis of the contemporary built environment, including the concept of spectacle and role of the media in contemporary society, and how “invisible literatures” such as scientific journals, technical manuals, pornography, advertising copy can be seen as a literary counterpart to pop art and the “brutalist” aesthetic of modernity.

Dabei fand ich besonders das Referat des Philosophen John Gray interessant, der sich auf die Suche nach Analogien zwischen Ballards Vorstellung des urbanen Lebens und Guy Debords Begriff des Spektakels machte und in diesem Zusammenhang verschiedene aktuelle soziale Phänomene analysiert. Auch wenn ich ansonsten mit Grays Theorien herzlich wenig anfangen kann (insbesondere seine Vorstellungen zu Themen wie dem Humanismus oder dem utopischen Denken), äußert er in diesem kurzen Vortrag doch einige aufschlussreiche Gedanken. Ihr seid eingeladen, euch ein eigenes Bild zu machen.

Ballardian landscapes

Sonntag, Juli 8th, 2012


Menschenleere Ödnis, unendlicher Raum; ein monoton dröhnender Loop setzt ein, Sand weht über die verlassene Straße. Nächster Film: Gigantische Glaspaläste wuchern in den Himmel. Gefangen auf einer Verkehrsinsel ändert auch der nicht abreißende Strom von Autos nichts an der eigenen Isolation. Schleppende psychedelische Beats strukturieren das Bild, lassen das Bedrohliche im Alltäglichen deutlich hervortreten.
Der Video- und Klangkünster Paul H. Williams fängt in seinen Kurzfilmen Themen und Stimmungen des 2009 verstorbenen SF-Autors J.G. Ballard ein, die er aus dem Bildmaterial zusammensetzt, das ihm das rasant wachsende Abu Dhabi bietet. Dabei entstehen beeindruckede Momentaufnahmen verschiedener Facetten gegenwärtiger Urbanität und Stadtentwicklung: „Best experienced with headphones.“


Leider beschränkt Williams das Einbetten seiner Videos (er mag seine Gründe dafür haben), weshalb ihr euch diesmal mit Click-Through-Links begnügen müsst. Verlinkt habe ich die Kurzfilme nach den Stories Vermilion Sands und Concrete Island. Der Rest des Werks ist aber nicht minder magnifique.

Einsteins Grab

Sonntag, Juni 17th, 2012

Die Frage, wer die neue Welt bauen solle, wurde ja schon vor einiger Zeit zur Genüge beantwortet. Die Frage allerdings, wer den Plan dafür zeichnen soll, blieb und bleibt offen (was auch gut so ist). Trotzdem ist es nicht zu früh, sich Gedanken über die Stadt nach der Stadt zu machen. Eine Inspiration für ein solches neues Nachdenken über den Raum und über eine Transformation des Urbanen liefern u.a. die Arbeiten von Lebbeus Woods, seines Zeichens experimenteller Architekt und radikaler Tüftler. Beachtet seinen Entwurf für Einsteins Grab!

In 1980, Lebbeus Woods proposed a tomb for Albert Einstein – the so-called
Einstein Tomb – inspired by Boullée’s famous Cenotaph for Newton.
But Woods’s proposal wasn’t some paltry gravestone or intricate mausoleum in
hewn granite: it was an asymmetrical space station traveling on the gravitational
warp and weft of infinite emptiness, passing through clouds of mutational
radiation, riding electromagnetic currents into the void.
Geoff Manaugh

-Bilder via